Wunder als Beweis für die Existenz Gottes

In religiösen Kreisen gilt der Gottesbeweis durch Wunder als unschlagbar: Wunder passieren ja ganz offenbar immer wieder, diese werden durch Jahwe getätigt, der daher existieren muss. Voilà!

Als wir Kinder waren, hat die (evangelische) Religionslehrerin uns eingetrichtert: „Wunder gibt es für jene Menschen, die an Wunder glauben.“ Das klingt erstmal total klug und kuschelig, ist aber Unsinn. Eine brauchbare Definition des Begriffs Wunder im religiösen Sinne ist ein „zeitweises Suspendieren der Naturgesetze durch eine Gottheit zu Gunsten eines Bittstellers“. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder es gibt diese Wunder, oder es gibt sie nicht. Wir wissen vielleicht nicht, welche der beiden Möglichkeiten zutrifft, aber eine muss es sein. Dass Wunder „für die, die dran glauben“ existieren und für andere Menschen nicht, ist unsinnig.

Wunder sind nachweisbar? – Es würde Nobelpreise regnen!

Folgendes sollte man sich klar machen: Sollte jemals wasserdicht und gemäß  wissenschaftlicher Methoden erwiesen werden, dass die Naturgesetze aufgehoben werden können – es würde Nobelpreise regnen. Die Templeton-Foundation bietet jährlich einen Preis von einer Million Britischer Pfund für Wissenschafter, die herausragende Entdeckungen zur „Bestärkung der spirituellen Dimension des Lebens“ machen. Mangels solcher Entdeckungen wird der Preis jedoch meist an Forscher vergeben, die irgendwie etwas Nettes über Religion sagen. Die James Randi-Stiftung bietet eine Million Dollar, die deutsche GWUP legt noch 10.000 Euro drauf – für Personen, die erfolgreich übernatürliche Phänomene demonstrieren können. Diese Preise wurden nie abgeholt. Forscher, die hier zumindest eine Möglichkeit sehen, müssten also höchstes Interesse an dem Nachweisen von Wundern haben. Jedoch: Keine Wunder, nichts Übernatürliches kam bislang zum Vorschein. Fehlanzeige!

Im Folgenden schauen wir uns typische Vertreter verschiedener Wunder-„Gattungen“ etwas näher an. Die Alltagswunder: Eine Person verliert einen Gegenstand, findet ihn wieder und teilt begeistert das ihr geschehene „Wunder“. Die Heilungswunder: Eine Ordensschwester wird als krank diagnostiziert, betet zum Papst Johannes Paul II. und wird später als geheilt diagnostiziert. In einem späteren Post widmen wir uns den Marienwundern: Sowohl Marienerscheinungen als auch durch die biblische Jungfrau gewirkte Wunder werden von Katholiken immer wieder als Beweis für die Wahrheit der katholischen Lehre und die Existenz Gottes angeführt.

Die Alltagswunder

Ein Großteil der kolportierten Wunder gleicht dem hier (Edit: Die Betreiberin hat den Post offenbar gelöscht) beschriebenen: Eine Dame geht mit ihrem Hund spazieren. Und dann der Schreck: „Kurz bevor wir wieder vor dem Haus ankamen, in dem ich wohne, dachte ich: ‚Wo ist mein Schlüssel?'“ Die Frau beginnt zu suchen und denkt sich „[V]ielleicht hab ich Gott sauer gemacht, weil ich vorab drüber nachgedacht hab, ob man Gott sauer machen kann und wie stinkig ich noch bin, wegen der ein oder anderen Situation in meinem Leben.“ Sie sucht hier, sie schaut dort, sie bittet ihren Gott um Hilfe, und dann fällt es ihr wieder ein: „Ich rannte nach oben. Tatsächlich. Der Schlüssel steckte. Außen an der Tür. Weil ich vorher einkaufen war und ihn nicht gleich wie immer innen eingesteckt habe, weil ich wusste, ich will gleich wieder raus.“ Die Schilderung schließt mit den Worten: „So schenkt das Leben uns Wunder immer und immer wieder und Zeichen. Manchmal dürfen wir – ich – sie beachten bevor wir leicht panisch losrennen“ und „Wunder und Zeichen gibt es. Hilfe ist da.“

Kurz: Eine Person verliert einen Gegenstand, findet den Gegenstand wieder und schließt „Das muss ein Wunder gewesen sein!“ – Erstaunlich ist daran nicht so sehr das angebliche Wunder, sondern dass viele Religionisten diesen naiven Unsinn offenbar erst nehmen. Verloren/gefunden, also eine vollkommen alltägliche Situation, soll von göttlichem Einfluss zeugen? Von einem Beweis kann man hier wohl kaum sprechen.

Die wundersame Heilung der Ordensschwester Marie

Weiter zu einem typischen Heilungswunder. Marie Simon-Pierre ist Mitglied des katholischen Ordens „Kleine Schwestern der Katholischen Mütterschaft“. Sie litt an Lähmungserscheinungen der linken Hand und des linken Beins, die ein Arzt offenbar als Symptome der Parkinson’schen Krankheit diagnostizierte. „Litt“? Ja, litt – Denn als bekannt wurde, dass der von den Kleinen Schwestern hochverehrte Johannes Paul II. selig gesprochen werden sollte und man auf der Suche nach einem Wunder sei, das diesen Schritt rechtfertigen würde, begannen die Schwestern ganz doll zu dem verstorbenen Papst zu beten. Und siehe da: Die Lähmung verschwand, herbei gerufene Ärzte fanden keine Spuren einer Parkinson-Erkrankung. Der Vatikan „bestätigte“ das Wunder, Johannes Paul konnte selig gesprochen werden.

Die einfachste Erklärung ist hier natürlich kein vollbrachtes Wunder, sondern eine schlichte Fehldiagnose: Der französische Provinzarzt kann psychosomatisch bedingte Lähmungen durchaus ehrlich für Parkinson gehalten haben. Natürlich finden die nach der „Heilung“ herbei gerufenen Ärzte dann keine Spuren der Krankheit. Möglicherweise haben die begeisterten Schwestern ja auch etwas geschummelt, um ihrem Idol zum „verdienten“ Seligen-Status zu verhelfen.

Völlig wunderfreie Erklärungsansätze gibt es also genug. Ist damit komplett ausgeschlossen, dass es sich um ein göttlichen Eingriff handelt? Nein – Es ist aber eben auch nicht bewiesen.

Zu den immer mal wieder kolportierten Gesundungswundern stellt sich die Frage, warum Jahwe offenbar nie Amputierte heilt? Über Nacht einen neuen Arm wachsen zu lassen, das sollte doch für ein allmächtiges, allgütiges Wesen ebenso einfach machbar sein wie das Heilen von Parkinson. Oder ist das Problem hier ganz profan, dass bei fehlenden Gliedmaßen wohl kaum eine Fehldiagnose möglich ist?

„Der Doktor hat mir eine Pille gegeben und mir ist eine neue Niere gewachsen!“

Bei den Alltagswundern und den Heilungswundern findet sich immer dasselbe Muster: Je näher man hinschaut, umso weniger bleibt vom übernatürlichen und unerklärbaren Phänomen übrig. Und auch, wenn sich nicht immer sofort eine Erklärung findet, heißt das ja noch lange nicht, dass es auch keine gibt. Die Aussage „Ich kann mir keine andere Erklärung vorstellen, es muss ein Wunder sein“ ist ein klassischer Fall der Argumentation mit dem Unwissen, eines bei Religionisten beliebten Fehlers.

Doch selbst, falls sich irgendwann wirklich übernatürliche Phänomene nachweisen lassen sollten:  Der Sprung von dort zu „Das war Jahwe, der Gott der Bibel“ ist – wie bereits anderswo beschrieben – willkürlich und kaum begründbar. Fragt man hier nach, wieso für die Religionisten nicht genauso das Spaghettimonster, Gottvater Jupiter oder Erich von Dänikens technisch überlegende Außerirdische als Verursacher der Wunder infrage kommen, hört man oft die eher unbefriedigende Antwort „Das steht in der Bibel, an deren Wahrheit glaube ich ganz fest.“

Wer „Ein Wunder! Ein Wunder!“ schreit, muss das auch belegen

Fazit: Entweder gibt es Wunder oder es gibt sie nicht. Die Personen, die die Existenz von solch außergewöhnlichen Phänomenen behaupten, müssen dafür auch Belege liefern – was für Wunder bislang nie gelungen ist. Alltäglichkeiten wie das „Schlüsselwunder“ kann man dabei wohl getrost vernachlässigen. Aber selbst wenn tatsächlich ab und an die Naturgesetze auf Bitte einzelner Menschen ausgesetzt werden sollten (Wie gesagt: null Belege!) – der gedankliche Sprung zu „Jahwe war’s!“ im Gegensatz zu „Shiva war’s!“ oder „Außerirdische waren’s!“ ist komplett willkürlich und nicht gerechtfertigt.

  • Schlüssel verloren, Schlüssel wiedergefunden: „Ein Wunder! Ein Wunder!“ (Blogpost)
  • Brille verloren, Brille wiedergefunden: „Ein Wunder! Ein Wunder!“ (Web)
  • Die Heilung der Marie Simon-Pierre: „Ein Wunder! Ein Wunder!“ (Wikipedia)
  • Die SZ zu Spontanheilungen – ganz ohne Wunder (Web)
  • Auch Ex-Papst Benedikt kann Heilungswunder (Web)
  • Eine gute Frage: „Why won’t god heal amputees?“ (Web)
  • Wunder gesichtet? Melden Sie sich bei der GWUP (gwup.net)
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12 Antworten zu Wunder als Beweis für die Existenz Gottes

  1. Helmut Hansen schreibt:

    Ist die Annahme eines Wunders ein intellektueller Sprung ins Nirgendwo?

    Wenn man die hier verwendete Definition des Begriffs WUNDER im Sinne einer “zeitweisen Aufhebung der Naturgesetze durch eine Gottheit“ zugrundelegt, dann ist es offensichtlich, dass die Existenz Gottes auf der Grundlage der bekannten Naturgesetze nicht beweisbar ist, denn genau dies impliziert die Definition.

    Wenn also jemand anhand eines Wunders die Existenz der Gottheit beweisen wollte, dann müsste er im Besitz der Kenntnis aller (!) Naturgesetze sein. Nur diese Kenntnis würde ihm erlauben, in einer affirmativen Sinne von einem Wunder sprechen zu dürfen. Da wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch nicht im Besitz aller Naturgesetze sind, macht derjenige einen gewagten intellektuellen Sprung, der behauptet, ein Wunder – also ein spezieller unerklärlicher Vorgang oder Tatbestand – sei durch eine außerweltliche Gottheit bewirkt. Natürlich ist es prinzipiell denkbar, dass sich dieser Sprung am Ende als naturwissenschaftlich gerechtfertigt erweist, doch dieser Sprung – die Annahme des Wirkens einer transzendenten Gottheit – hat sich als Folge der Entwicklung der Naturwissenschaften so oft als unberechtigt erwiesen, dass viele Kritiker mit Blick auf dieses Argument zu Recht die Haltung einnehmen, dass der intellektuelle Kredit zugunsten dieser Annahme historisch längst verspielt ist.

    Wer also intellektuell redlich ist, muss zugeben, dass es bisher keine allgemein akzeptierte analyseresistente Argumentation für das innerweltlichen Wirken einer transzendenten Ursache gibt. Dies ist keine naturwissenschaftliche Behauptung, so das Konstatieren eines wissenschaftshistorischen Befundes.

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