Die ungewöhnliche Karriere des Bibel-Gotts Jahwe

Die Menschen haben im Laufe der Geschichte Tausende von Göttern nach ihrem Ebenbild geschaffen. Ab und zu wundert man sich, dass sich ausgerechnet die Kulte des äußert unangenehmen Bibel-Gotts Jahwe so sehr durchsetzen konnten. Jahwe wird beschrieben als eifersüchtig und jähzornig, worauf er sich stolz beruft. Er gilt als frauenhassend, kinderhassend, fremdenhassend, schwulenhassend, lesbenhassend; er befürwortet ausdrücklich Völkermord, Sklaverei und Folter. Er hetzt wahllos gegen Nachbarstämme, Astrologen und sogar gegen Leute, die Dachgärten auf die falsche Weise anlegen. Seine Gesetze reichen in alle Lebensbereiche, sie sind unmöglich hart und in sich widersprüchlich; von seinen ratlosen Anhängern fordert er, falls sie seine ewige Höllenfolter vermeiden wollen, Tier- und Menschenopfer; er opfert laut Neuem Testament sogar irgendwie sich selbst an sich selbst. Genau genommen mag Jahwe also eigentlich nur einige alte Männer. Kein großes Rätsel, aus welcher demographischen Gruppe sich seine Priesterkaste traditionell zusammensetzt.

Wenn es schon Religion im Allgemeinen und Monotheismus im Speziellen sein musste, hätten wir nicht bei Apollon, dem Gott der Lyrik und des Frühlings oder bei der friedlichen Erdgöttin Gaia landen können? Klar, andere Götter wie der ägyptischen oder der sumerisch/babylonische Pantheon oder auch die hinduistischen Götter wurden und werden deutlich länger verehrt als Jahwe in seinen Verkleidungen, ob als “JHWH”, “Gott” oder als “Allah”. Trotzdem, die Frage bleibt: Warum sind die ollen Geschichten über ihn so erfolgreich?

Die Quellenlage ist naturgemäß etwas dürftig, aber es sieht so aus, also ob Jahwe seine Karriere als einer von vielen Göttern der Kanaaniter begann, wahrscheinlich als Vulkan- oder Kriegsgott. Er wurde zum israelitischen Stammesgott erhoben, wurde dann, wohl zu Zeiten des babylonischen Exils, vom Haupt- zum ausschließlichen Gott des Stamms, und später von den Christen und Moslems übernommen (die dann wiederum die Juden, die ja genau genommen nichts dafür können, seit zweitausend Jahren mit Hass und Verfolgung überziehen).

Gewalt und Eifersucht: Kulturelle Evolutionsvorteile

Neben einer gehörigen Portion Zufall (wir hätten auch bei Osiris oder Mithra enden können) würde ich zwei entscheidende Faktoren für die erstaunliche Karriere dieses Fieslings ausmachen:

Erstens begünstigen die zugeschriebenen Eigenschaften Jähzorn, Eifersucht und Gewalttätigkeit die Jahwe-Kulte im Rahmen der soziokulturellen Evolutionsmechanismen: Vor die Wahl gestellt z.B. zwischen Marquod, dem sanftmütigen Gott des Tanzes und der Heilung und dem eifersüchtig tobenden Jahwe, entschieden sich viele Kanaaniter schlichtweg aus Angst eher für die Verehrung von Jahwe – Marquod und seine Kollegen hatten ja ausdrücklich kein Problem mit der Verehrung anderer Götter. Jahwe aber schon, und er wurde leicht gewalttätig. Im Laufe der Generationen wurde so die Jahwe-Gefolgschaft größer, die der anderen Götterfiguren kleiner.

Den gleichen Vorteil hatte Jahwe später als zart schaumgebremster, christlicher Gott im römischen Reich: Während die traditionelle römische Religion integrativ war und Platz für viele altbekannte, neue oder exotische Götterkulte bot, fiel der Jahwe-Kult durch seine Ausschließlichkeit (negativ) auf. Und klar, es erscheint attraktiver einem Gott zu folgen, der mittlerweile mit dem ewigen Leben lockte, und tösend mit der Verfolgung von Ungläubigen droht: “Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation”. Den anderen Göttern war es ja schließlich egal, und etwas Vergleichbares zu bieten hatten sie auch nichts.

Endlich Staatsreligion: Das Imperium schlägt zurück

Und zweitens: Das antike Christentum des ersten und zweiten Jahrhunderts hatte in seiner Mischung aus pharisäischem Judentum, Gnostizismus und Mysterienkulten wenig mit dem zu tun, was wir heute als christlichen Kanon betrachten. Im vierten Jahrhundert wurde das Christentum von Seiten des römischen Kaiserhofes, also von oben herab, systematisch umgebaut und für seinen ausersehenen Zweck tauglich gemacht: Das Reich durch eine neue, strahlkräftige Staatsreligion zu einen, die zerfallenden Kräfte zu erneuern und in der Hand der Kaiser zu bündeln. Das so zum geistigen Arm des Staates umgebastelte Christentum hatte nun nichts mehr zu tun mit seinen Ursprüngen als ein politischer Zweig des Judentums, der sich in der damals verbreiteten Endzeitstimmung gegen die als drückend empfundene römische Besatzung wehrte. Als Staatsreligion eines Weltreichs hatte es die geballte Macht des Imperiums hinter sich. Damit war es dann natürlich ein Leichtes, den neuen Kult durchzusetzen.

Als die Kaiser dann irgendwann Rom in Richtung Ravenna verließen und schließlich ganz verschwanden, wandten sich die Menschen an die verbliebene Respektsperson: Den Bischof von Rom, der von nun an die römische Reichsidee, die Romanitas, verkörperte. Auch heute noch nennen sich die Päpste “Pontifex Maximus” – ein Titel, den schon Gaius Julius Cäsar als Oberpriester des römischen Götterkults trug.

Warum nicht stattdessen die Göttin der Liebe?

Schaut euch doch in der Welt um: Christentum und der später davon abgespaltene Islam haben auch heute noch Eigenschaften von Staatsreligionen, und auch den praktischen Anspruch solche zu sein. Sobald ihre Anhänger sicher im Sattel sitzen, geht es den Rechten der religiösen Minderheiten an den Kragen.

Liebe Religionisten, wenn ihr schon vor Übermenschen buckeln müsst, hättet ihr euer Weltbild nicht auf Venus, der antiken Göttin der Liebe, aufbauen können? Oder auf Schamasch, dem babylonischen Gott der Gerechtigkeit? Oooder könntet ihr nicht zumindest damit aufhören, eure merkwürdingen Vorstellungen von Moral und der “rechten Lebensweise” mit Gewalt in die Menschen um euch herum hineinprügeln zu wollen?

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Skandal! – Ontologischer Gottesbeweis immer noch falsch

Diese Argumentation (hier in voller Länge) eines Theisten ist vielleicht einen kleinen Post wert, weil sie einen häufigen Denkfehler formvollendet vorführt:

Gott ist das höchste Wesen überhaupt. Er ist der höchste Gedanke, den wir denken können. Und wir können Gott denken. Wir können uns vorstellen, dass es Gott gibt. […] Wenn ich behaupte, dass Gott nur in meiner Vorstellung existiert, dann ist das nicht der höchst mögliche Gedanke. Es ist nämlich ein höherer, dass etwas nicht nur als Möglichkeit gedacht werden kann, sondern wirklich existiert. Da Gott der höchste überhaupt denkbare Gedanke ist, muss er auch existieren. Denn der Gedanke dass es Gott nicht gibt, ist nicht so hoch, wie der, dass es ihn gibt. […] Denn etwas, das nicht real ist, ist immer ein niedrigerer Gedanke als dass es etwas wirklich gibt.

Das ist der klassische – treuen MGEN-Lesern  schon bekannte – ontologische “Beweis” für die Existenz von Göttern. Er stammt von dem mittelalterlichen Mönch Anselm von Canterbury und ist schon von den Renaissance-Denkern mit dem Argument widerlegt worden, dass man “aus der Existenz des Begriffs nicht auf die Existenz des damit bezeichneten Sachverhalts schließen könne”. Alle Formulierungen des Arguments, auch die sorgsam hinter theologisch-philosophischer Sprache versteckten, scheitern an dieser Feststellung: Dass ich mir eine Sache vorstellen kann, bedeutet nicht, dass sie real existieren muss.

Können sich die Theisten wirklich nicht vorstellen, dass die Vorstellung von einem Dings, also das “Existieren als Gedanke” eine völlig andere Sache ist als “real in der Welt existieren”? Dass ein Wort wie “existieren” nach Lexikon mehrere, verwandte Bedeutungen haben kann?

Dazu kommt: Wenn man die Existenz Jahwe am Anfang der Argumentation schon voraussetzt (“Jahwe ist der höchste Gedanke”), muss man sich ja nicht wundern, dass man am Ende bei ihm landet. Das funktioniert dann natürlich auch mit allen anderen herbei behaupteten “höchsten Gedanken” wie Brahma, Zeus, beliebigen Superhelden, etc. Aber ist “Herkules, der größte Krieger aller Zeiten” wirklich real existierend, nur weil ich ihn mir vorstellen kann in seinem Tigerfell und mit einer Keule in der Hand? Weil ich ein echter Fan bin, und seine Existenz für mich der allerbeste Gedanke überhaupt ist? Gemäß des Arguments muss er real existieren, denn sonst wäre ja ein anderer, wirklich existierender Krieger noch größer und mächtiger als er. Der ontologische “Beweis” wäre also eine Konzeptpumpe, mit der man sich alle möglichen Dinge in die Welt hinein wünschen könnte.

Und zum Dritten: Selbst wenn man für einen Moment annimmt, dass der “Beweis” stimmt, dann wäre damit lediglich die Existenz irgend eines höheren Wesens festgestellt. Der logische Sprung von “Es gibt ein höheres Wesen!!” zu “Das ist Jahwe, der Gott der Bibel, das Christentum/der Islam/das Judentum stimmt!!” ist nicht begründbar und völlig willkürlich.

Auf diesen Hinweis bekommt man von Religionisten nie eine Reaktion – Warum wohl?

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Der magische Geldregen

Als Blogger zum Thema Religion und andere Esoterik ist man ja an einiges gewöhnt: Wilde Behauptungen, wenig Belege und naiv-gäubigen Dummsinn. Manchmal allerdings fällt auch mir nichts mehr ein. Zum Beispiel hierzu:

Ein magisches Ritual für Geld ist recht einfach zu handhaben. An einem wolkenlosen Abend, bei zunehmendem Mond, trägt man eine Schüssel mit Wasser ins Freie, so dass das Mondlicht sich darin spiegeln kann. In einer ruhigen und meditativen Stimmung wird die Mondgöttin Aradia zur Hilfe gerufen, damit sie helfen kann.

Danach legt man die Hände in die Schale mit dem Wasser, in dem noch immer das Mondlicht sich spiegelt und bittet um den benötigten Betrag. Danach werden die Hände aus der Schale genommen und müssen an der Luft getrocknet werden, ohne ein Handtuch. Nach einigen Tagen sollte sich dann der Geldsegen einstellen.

Der Inhaber dieser mit Werbung, Links zu Webshops und allerlei Social Media Gedöns angereicherten Seite ist ein Dirk Schneider, der auch eine Agentur für Suchmaschinenoptimierung und Webdesign betreibt. Während wir uns über die die Qualität seines Webdesigns kein Urteil erlauben können, erscheinen seine Esoteriktipps nur mäßig gelungen. Ansonsten hätte er ja an einem wolkenlosen Abend, mit einer Schüssel Wasser in der Hand, all seine Geldsorgen lösen können – auf Einnahmen aus Webdesign und Werbung wäre er dann nicht mehr angewiesen.

Die “Mondgöttin Aradia” übrigens wurde vom amerikanischen -uhm- Multitalent Charles Leland, dem (je nach Quelle) Wegbereiter oder Erfinder des Neopaganismus, im Jahr 1899 entdeckt oder (ebenfalls je nach Quelle) erfunden. Neben ihrer Rolle als Mondgöttin ist sie auch dafür zuständig, den Menschenfrauen Hexerei beizubringen. Das alles klingt erstmal etwas albern, ist allerdings zumindest ähnlich plausibel wie der Glaube an Jahwe, Vishnu oder Zeus – deren Geschichten waren ja auch irgendwann einmal erst 100 Jahre alt.

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Der Gottesbeweis der “Vier Punkte”

Die Helden von “Campus für Christus“, des deutschsprachigen Zweiges des “Campus Cruisade for Christ” (mit jährlichen Einnahmen von $519,000,000, den “Kreuzzug” hat man bei der Übersetzung wohlweislich weggelassen), haben sich überlegt, wie man wohl die jüngere Generation an die Angel bekommen könnte. Mit ihrem “leidenschaftlichen und motivierten Team” setzen sie sich dafür ein, dass auch Die Jugend (TM) in Kontakt kommt mit dem “wunderbaren himmlischen Vater, der sich nach jedem Menschen sehnt”. Durch extrem hartes Nachdenken sind die klügsten Köpfe der Organisation zu folgender (hier etwas gekürzten) Argumentationskette gekommen, die – fesch für’s Internet aufgemacht – auch wirklich jeden Jugendlichen davon überzeugen sollte, dass Jahwe wirklich in echt existiert, und dass das Christentum die einzige wahre Religion ist:

1. Gott liebt dich total! Seine Liebe ist grenzenlos und bedingungslos.

2. Wir suchen nach Sinn und Erfüllung, aber nicht bei Gott. Wir misstrauen ihm und missachten seine Regeln. Diesen Alleingang nennt die Bibel Sünde. Sünde verletzt unsere Beziehungen und zerstört unser Zusammenleben als Menschen.

3. [Gott] ist so weit gegangen, dass er in Jesus Christus Mensch wurde und sein Leben für uns hingab. An unserer Stelle nahm er am Kreuz die Konsequenz der Sünde auf sich.

4. Gott hat alles getan, um uns zu zeigen, wie sehr er uns liebt. Durch Jesus Christus bietet er uns erfülltes und ewiges Leben an. […] Wie entscheidest du dich?

Im Ernst: Mal davon abgesehen, dass diese “vier Punkte” in keiner Weise zusammen hängen oder irgendwie eine Argumentationskette bilden. Ebenfalls davon abgesehen, dass die Bewegungschristen immer wieder auf den gleichen alten Behauptungen herumreiten und nie irgendwelche Belege liefern. Aber – glauben die wirklich, dass Jugendliche doof sind?

Zu 1: Okay, als wohlstandssatter Mitteleuropäer schafft man es vielleicht, an der Idee “Ein allmächtiges Wesen liebt mich” irgendwie einleuchtend zu finden. Die Opfer von Naturkatastrophen, Krebs und anderen Krankheiten, ganz zu schweigen die unter all den (Religions-)kriegen, extremistischen Hasspredigern und Attentätern Leidenden liebt der Gott dann wohl doch nicht so sehr. Schließlich könnte der allmächtige Gott all diese Übel einfach so abstellen. Offenbar ist er zu beschäftigt.

Zu 2: Sowohl die “missachteten” Regeln als auch die böse, böse “Sünde” finden sich allein in der Bibel, also in einem alten Buch. Einem alten Buch, das im dritten/vierten Jahrhundert aus im Laufe von knapp tausend Jahren entstandenen Nomadenregeln, politischen Predigten, Lyriksammlungen und den Notizen von Berufspropheten zusammengestellt wurde. Wieso bitte sollte ausgerechtet dieses alte Buch für mein Leben so entscheidend sein? Wieso nicht der Koran, die Rigveda, die Edda, die Avesta oder die Sibyllinischen Bücher? Wieso nicht De Bello Gallico oder Die Buddenbrocks? Wieso sollten wir als Gesellschaft die Regeln für “unsere Beziehungen” und “unser Zusammenleben als Menschen” überhaupt nach so einer Loseblattsammlung ausrichten? Wieso nicht aufgeklärt und vorurteilsfrei öffentlich diskutieren und aus freiem Willen eine moderne Gesellschaft entwickeln?

Zu 3: Okay, nehmen wir mal kurz an, dass die Punkte 1 und 2 nicht völlig abwegig wären. Spätestens hier würde sich ein zufällig im Internet surfender Außerirdischer fragen, was denn bloß mit diesen Menschen los sei? Also: Der allmächtige, allwissende Gott schafft das Universum und die Menschen nach seinem Willen. Dann diktiert er diesen Willen einer Reihe von halbnomadischen Stammespriestern in die – äh – Feder, die in einer rückständigen Randprovinz des römischen Imperiums durch die Wüste ziehen. Die Menschen schauen sich diese in sich widersprüchlichen, in ihrer Härte unmöglich zu befolgenden Regeln an und verstehen sie nicht. Darum sind sie – gemäß der göttlichen Gesetze – zur ewigen Höllenfolter verdammt. Der Gott ist nun mit der von ihm geschaffenen Situation irgendwie unglücklich. Er könnten natürlich die Gesetze (oder die Wesen) einfach ändern. Aber er hat eine Idee: Er opfert sich  selbst an sich selbst – als Buße dafür, dass die von ihm selbst geschaffenen Wesen gegen die von ihm selbst geschaffenen Gesetze verstoßen. Jetzt mal ehrlich: Die Geschichte kann doch niemand ernst nehmen, oder?

Zu 4: Okay, wer das alles wirklich für wahr hält, sollte sich vielleicht wirklich besser in die Obhut einer autoritären Organisation begeben. Und auch am besten gleich fleißig spenden oder im wohlausgestatteten Webshop der Kreuzzugs-Christen einkaufen, damit die Spendensumme beim nächsten Mal dann gleich auf runde $520,000,000 springt.

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Fertig?

2014 war kein gutes Jahr und 2015 hat ziemlich schlecht angefangen. Eigentlich dachten wir ja, wir wären mit dem Blog fertig. Vor zwei Jahren hatten wir begonnen, die üblichen Argumente von religiösen Leuten etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, quasi aus Notwehr gegen deren gesellschaftliche Übermacht. Zuerst waren wir dabei ziemlich entspannt unterwegs und haben im Laufe der Zeit festgestellt, dass keiner der immer wieder vorgebrachten Gottesbeweise irgendwie schlüssig ist, dass der Bibel-Gott Jahwe auf keinen Fall existieren kann, und dass eigentlich auch niemand so recht erklären kann, was so ein Gott denn eigentlich sein soll. Wir haben über den Schwachsinn der Esoteriker gestaunt, über die Angstmacherei der Priester und die Wunder- und Prophezeiungsgläubigkeit der Laien.

Nichts davon erhebt den Anspruch neu oder originell zu sein – die meisten religionistischen Argumente sind schon seit Jahrhunderten widerlegt. Trotzdem werden sie immer. und. immer. wieder. wiederholt. Die Leute werden regelrecht damit zugeballert. In mehr als einem Sinn. Es geht ja schließlich um einiges: insbesondere um die eigenen Pfründe.

Für eine Weile dachten wir hier um unseren Küchentisch versammelt wirklich, dass wir fertig wären. Unsere Artikel waren veröffentlicht und werden auch ohne weiteres Zutun gefunden: Existiert Gott? (Nein.) War Einstein religiös? (Nein.) Stimmt die Bibel? (Nein.) Gibt es Wunder? (Nein.) sind die häufigsten Anfragen.

Eigentlich war alles gesagt.

Aber dann kam uns die Nachrichtenlage dazwischen, und von der anfänglichen Entspanntheit war nicht mehr viel übrig: Im Osten der Republik marschieren die christlichen, alltagsrassistischen Abendlandretter tumb im Kreis und hetzen gegen Muslime, in Frankreich greifen muslimische Bekloppte zur Knarre und ermorden Witzemacher (Witzemacher!); alle sind sie vereint im Hass auf alles, was sie für jüdisch halten. Was diese Bekloppten wollen ist klar: einen Kulturkrieg. Einen Krieg zwischen Morgenland und Abendland, Muslimen und Christen, Europa und Afrika, Nord und Süd, was auch immer. Im Namen und in direktem Auftrag ihrer eingebildeten Götter.

Leute, wir müssen verdammt aufpassen, dass sie den nicht bekommen!

2014 war kein gutes Jahr und 2015 hat ziemlich schlecht angefangen. Das kann so nicht weiter gehen! Wir dürfen das Feld nicht den Spinnern überlassen, die aus Hass und Angst handeln und dabei immer mehr Hass und Angst erzeugen. Und die, wenn ihnen keine Argumente mehr einfallen, anfangen zu schießen, zu bomben, oder – sobald sie irgendwo in der Mehrheit sind – ihre Ziele durch strukturelle Gewalt durchzusetzen.

Wir sind nicht fertig. Wir müssen weiter machen. Wir alle.

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Über Tellurische Ströme

Es ist immer wieder zum Lachen, was die Esoterikszene so alles hervorbringt! Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass es wirklich Leute gibt, die an die “geheimnisvolle Macht der tellurischen Ströme” glauben. Tellurische Ströme sind, so die Esoterikfraktion, geheime Energiepfade, die durch die Erde verlaufen und an bestimmten Knotenpunkten hervortreten. Wem es gelingt sie anzuzapfen, der erhält unerhörte Macht.

Problem: Die geheimnisvolle Kraft der tellurischen Ströme hat der Schriftsteller Umberto Eco erfunden, für seinen Roman “Das Foucaultsche Pendel“. In dem (sehr unterhaltsamen) Buch denken sich drei Lektoren aus einem Esoterika-Verlag zum Spaß eine gigantische Verschwörungstheorie aus, die alle routinemäßig von den Verlagsautoren vorgebrachten Spinnereien in sich vereint. Die sich über drei Jahrtausende erstreckende Geschichte erzählt von den tellurischen Strömen, die von den mittelalterlichen Tempelrittern bei den Kreuzzügen entdeckt worden seien, die daraufhin ihre eigene Auflösung und Verfolgung vortäuschten um in Ruhe die Ausbeutung der Ströme vorbereiten zu können. Doch es wird eng für die Lektoren: Die Esoteriker beginnen die erfundene Geschichte zu glauben und rücken ihnen bedrohlich auf die Pelle, um die vorgebliche große Machtquelle für sich zu gewinnen.

Um so absurder ist es, dass offenbar auch real existierende Esoteriker im 21. Jahrhundert die Macht der tellurischen Ströme für bare Münze nehmen und sich auf die Suche nach den geheimnisvollen Knotenpunkten machen. Und zwar quer durch die Bank, von sanftmütigen Engelsgläubigen bis zu stramm unangenehmen Menschen aus der rechten Ecke.

Ihr glaubt nicht, dass Leute wirklich so dumm sein können? – Here we go!

U-Bahnen: Perfide Werkzeuge der Templer

Fangen wir doch mal bei dieser Seite über die “Verschwörung der Illuminaten” an:

Viele Geheimgesellschaften wollten tellurische Ströme erkunden und lenken. Die U-Bahn-Tunnel waren die exoterische Tarnung dafür. Die Weisen von Zion haben sie finanziert, um die so unterminierten Hauptstädte in die Luft sprengen zu können.

Ah ja. Nach dieser gewagten These stellt die Seite zurecht fest: “Diese Erdströme. Sie sind umstritten” und fragt dann weiter “Woher kommen sie? Und vor allem, wofür sind sie wichtig? Was bewirken sie?” – Tja, das weiss wohl niemand. Dann folgt eine Art Zusammenfassung der ausgedachten Verschwörungstheorie aus Ecos Buch:

Die tellurischen Ströme werden mit den Templern in Zusammenhang gebracht. Die Templer fanden auf den Kreuzzügen eine mächtige Energiequelle. Sie war mächtiger als jede bekannte Energieform. Mit ihr soll sogar die Plattentektonik verändert werden können. Anscheinend stammt diese Technik aus Atlantis. Die Templer nannten den Zugang zu der Kraftquelle “Umbilicus Mundi” – Nabel der Welt. Handelt es sich um eine Maschine aus Atlantis? Oder um außerirdische Technologie?

Und dann: “Sie konnten sie [die Ströme] damals noch nicht nutzen.” Die Templer “nehmen die Vernichtung ihres Ordens in Kauf. Denn nur im Verborgenen können die Templer die Erdströme weiter erforschen.”

Endlich mal Klartext: Kathedralen speichern tellurische Energie

Bei astrologie.de erfahren wir, dass die tellurischen Ströme schon deutlich vor den Tempelrittern bekannt waren:

Ursprünglich suchten die Menschen dafür diese Ströme in Höhlen auf, oder benutzten Wasser von Quellen, die unter dem Einfluß eines tellurischen Stromes standen (daher die heiligen Brunnen). Gab es keine Höhlen, baute man welche. Die Dolmenkammern z. Bsp. sind solche Höhlen. Bei den Christen ist es die Krypta.

Insbesondere bauten sie auch die Krypta der Kathedrale von Chartres, die, so werden wir informiert, zur Bündelung der Ströme offenbar besonders geeignet ist:

Mönche versuchten jetzt die Strahlung zu verstärken, einmal durch die Bauweise (geometrische Proportionen usw.) und dann durch Musik (Gregorianik).

Erzengel Metatron  – Ihr Einsatz bitte!

Auf dieser Seite werden wir freundlich vom “Erzengel Metatron” begrüßt: “Ich Bin Metatron, Herr des Lichts! Ich umarme jeden von euch in Licht, in Liebe.”

Und wie es sich für waschechte Engel gehört, lässt sich Metatron durch einen irdischen Esoteriker channeln und informiert uns in diesem Rahmen auch über Entstehung und Wirkungsweise der tellurischen Ströme:

[J]ede heilige Stätte kann das menschliche elektromagnetische Feld beeinflussen und tut es. Zusätzlich werden die Lichtbögen und Winkel von Planeten und Sternen die Bereiche tellurischer Energiepools (in euren Begriffen als elektrische oder auswärts gerichtete Vortices bezeichnet) nähren und beeinflussen, und können tatsächlich je nach ihrer Ausrichtung einwärts gerichtete Zugportale oder Öffnungen kreieren, welche Lichtenergie von stellaren und solaren Lichtphotonen, ebenso wie von planetaren und höherdimensionalen Gitternetzen empfangen.

So, jetzt wissen hoffentlich alle hierzu Bescheid. Danke dir, Metatron!

Unfassbar, mit was für einem zusammenkopierten Unsinn man in der Szene offenbar Geld machen kann. “Aufklärende” Bücher, DVDs und Kurse zum Thema werden natürlich in großer Auswahl angeboten. Was unklar bleibt: Glauben diese Leute wirklich an die Wahrheit von Ecos Geschichte? Geht es ihnen also um die Verkündigung der “frohen Botschaft”? Vielleicht gepaart mit der Bestätigung der eigenen Wichtigkeit? Oder geht es auch hier nur darum, hilfesuchenden und ratlosen Menschen Kohle aus der Tasche zu ziehen?

 

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64 Prozent der Deutschen: Glücklich ohne Gott

In einer repräsentativen TNS-Emnid-Umfrage hat der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) unter anderem danach gefragt, ob die Deutschen ein “selbstbestimmtes Leben” führen, das “frei ist von Religion und Glauben an einen Gott”. Und jetzt das Erfreuliche: 64 Prozent der Bundesbürger beantworten diese Frage mit “ja” oder “eher ja”. Selbst innerhalb der Großkirchen geraten die Religiösen offenbar in die Minderheit.

Der HVD sieht sich selbst als Interessenvertretung religionsfreier Menschen, und wird dabei von einer respektablen Minderheit von 22 Prozent als valide Alternative zu den Großkirchen wahrgenommen, die die Befragten “als Mitglied, durch Spenden oder durch ehrenamtliche Tätigkeit” unterstützen würden. Wenn man den gesellschaftlichen Druck durch die kirchliche Indoktrination bedenkt, ist das schon ziemlich gut. Dazu kommt, dass geistig unabhängige Menschen wohl generell eher unterdurchschnittliches Interesse an HVD-Zeremonien wie Namens- oder Jugendfeiern haben.

Wenn dieser erfreuliche Trend sich fortsetzt, wird es für die Kirchenoberen in Zukunft deutlich schwieriger werden, ihre normative Kontrolle über Staat und Gesellschaft zu rechtfertigen. Wer weiss, vielleicht wird die Bundesrepublik sogar irgendwann zu einem säkularen Staat, der sich nicht mehr in Glauben und Moral seiner Bürger einmischt …

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