Über Tellurische Ströme

Es ist immer wieder zum Lachen, was die Esoterikszene so alles hervorbringt! Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass es wirklich Leute gibt, die an die “geheimnisvolle Macht der tellurischen Ströme” glauben. Tellurische Ströme sind, so die Esoterikfraktion, geheime Energiepfade, die durch die Erde verlaufen und an bestimmten Knotenpunkten hervortreten. Wem es gelingt sie anzuzapfen, der erhält unerhörte Macht.

Problem: Die geheimnisvolle Kraft der tellurischen Ströme hat der Schriftsteller Umberto Eco erfunden, für seinen Roman “Das Foucaultsche Pendel“. In dem (sehr unterhaltsamen) Buch denken sich drei Lektoren aus einem Esoterika-Verlag zum Spaß eine gigantische Verschwörungstheorie aus, die alle routinemäßig von den Verlagsautoren vorgebrachten Spinnereien in sich vereint. Die sich über drei Jahrtausende erstreckende Geschichte erzählt von den tellurischen Strömen, die von den mittelalterlichen Tempelrittern bei den Kreuzzügen entdeckt worden seien, die daraufhin ihre eigene Auflösung und Verfolgung vortäuschten um in Ruhe die Ausbeutung der Ströme vorbereiten zu können. Doch es wird eng für die Lektoren: Die Esoteriker beginnen die erfundene Geschichte zu glauben und rücken ihnen bedrohlich auf die Pelle, um die vorgebliche große Machtquelle für sich zu gewinnen.

Um so absurder ist es, dass offenbar auch real existierende Esoteriker im 21. Jahrhundert die Macht der tellurischen Ströme für bare Münze nehmen und sich auf die Suche nach den geheimnisvollen Knotenpunkten machen. Und zwar quer durch die Bank, von sanftmütigen Engelsgläubigen bis zu stramm unangenehmen Menschen aus der rechten Ecke.

Ihr glaubt nicht, dass Leute wirklich so dumm sein können? – Here we go!

U-Bahnen: Perfide Werkzeuge der Templer

Fangen wir doch mal bei dieser Seite über die “Verschwörung der Illuminaten” an:

Viele Geheimgesellschaften wollten tellurische Ströme erkunden und lenken. Die U-Bahn-Tunnel waren die exoterische Tarnung dafür. Die Weisen von Zion haben sie finanziert, um die so unterminierten Hauptstädte in die Luft sprengen zu können.

Ah ja. Nach dieser gewagten These stellt die Seite zurecht fest: “Diese Erdströme. Sie sind umstritten” und fragt dann weiter “Woher kommen sie? Und vor allem, wofür sind sie wichtig? Was bewirken sie?” – Tja, das weiss wohl niemand. Dann folgt eine Art Zusammenfassung der ausgedachten Verschwörungstheorie aus Ecos Buch:

Die tellurischen Ströme werden mit den Templern in Zusammenhang gebracht. Die Templer fanden auf den Kreuzzügen eine mächtige Energiequelle. Sie war mächtiger als jede bekannte Energieform. Mit ihr soll sogar die Plattentektonik verändert werden können. Anscheinend stammt diese Technik aus Atlantis. Die Templer nannten den Zugang zu der Kraftquelle “Umbilicus Mundi” – Nabel der Welt. Handelt es sich um eine Maschine aus Atlantis? Oder um außerirdische Technologie?

Und dann: “Sie konnten sie [die Ströme] damals noch nicht nutzen.” Die Templer “nehmen die Vernichtung ihres Ordens in Kauf. Denn nur im Verborgenen können die Templer die Erdströme weiter erforschen.”

Endlich mal Klartext: Kathedralen speichern tellurische Energie

Bei astrologie.de erfahren wir, dass die tellurischen Ströme schon deutlich vor den Tempelrittern bekannt waren:

Ursprünglich suchten die Menschen dafür diese Ströme in Höhlen auf, oder benutzten Wasser von Quellen, die unter dem Einfluß eines tellurischen Stromes standen (daher die heiligen Brunnen). Gab es keine Höhlen, baute man welche. Die Dolmenkammern z. Bsp. sind solche Höhlen. Bei den Christen ist es die Krypta.

Insbesondere bauten sie auch die Krypta der Kathedrale von Chartres, die, so werden wir informiert, zur Bündelung der Ströme offenbar besonders geeignet ist:

Mönche versuchten jetzt die Strahlung zu verstärken, einmal durch die Bauweise (geometrische Proportionen usw.) und dann durch Musik (Gregorianik).

Erzengel Metatron  – Ihr Einsatz bitte!

Auf dieser Seite werden wir freundlich vom “Erzengel Metatron” begrüßt: “Ich Bin Metatron, Herr des Lichts! Ich umarme jeden von euch in Licht, in Liebe.”

Und wie es sich für waschechte Engel gehört, lässt sich Metatron durch einen irdischen Esoteriker channeln und informiert uns in diesem Rahmen auch über Entstehung und Wirkungsweise der tellurischen Ströme:

[J]ede heilige Stätte kann das menschliche elektromagnetische Feld beeinflussen und tut es. Zusätzlich werden die Lichtbögen und Winkel von Planeten und Sternen die Bereiche tellurischer Energiepools (in euren Begriffen als elektrische oder auswärts gerichtete Vortices bezeichnet) nähren und beeinflussen, und können tatsächlich je nach ihrer Ausrichtung einwärts gerichtete Zugportale oder Öffnungen kreieren, welche Lichtenergie von stellaren und solaren Lichtphotonen, ebenso wie von planetaren und höherdimensionalen Gitternetzen empfangen.

So, jetzt wissen hoffentlich alle hierzu Bescheid. Danke dir, Metatron!

Unfassbar, mit was für einem zusammenkopierten Unsinn man in der Szene offenbar Geld machen kann. “Aufklärende” Bücher, DVDs und Kurse zum Thema werden natürlich in großer Auswahl angeboten. Was unklar bleibt: Glauben diese Leute wirklich an die Wahrheit von Ecos Geschichte? Geht es ihnen also um die Verkündigung der “frohen Botschaft”? Vielleicht gepaart mit der Bestätigung der eigenen Wichtigkeit? Oder geht es auch hier nur darum, hilfesuchenden und ratlosen Menschen Kohle aus der Tasche zu ziehen?

 

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64 Prozent der Deutschen: Glücklich ohne Gott

In einer repräsentativen TNS-Emnid-Umfrage hat der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) unter anderem danach gefragt, ob die Deutschen ein “selbstbestimmtes Leben” führen, das “frei ist von Religion und Glauben an einen Gott”. Und jetzt das Erfreuliche: 64 Prozent der Bundesbürger beantworten diese Frage mit “ja” oder “eher ja”. Selbst innerhalb der Großkirchen geraten die Religiösen offenbar in die Minderheit.

Der HVD sieht sich selbst als Interessenvertretung religionsfreier Menschen, und wird dabei von einer respektablen Minderheit von 22 Prozent als valide Alternative zu den Großkirchen wahrgenommen, die die Befragten “als Mitglied, durch Spenden oder durch ehrenamtliche Tätigkeit” unterstützen würden. Wenn man den gesellschaftlichen Druck durch die kirchliche Indoktrination bedenkt, ist das schon ziemlich gut. Dazu kommt, dass geistig unabhängige Menschen wohl generell eher unterdurchschnittliches Interesse an HVD-Zeremonien wie Namens- oder Jugendfeiern haben.

Wenn dieser erfreuliche Trend sich fortsetzt, wird es für die Kirchenoberen in Zukunft deutlich schwieriger werden, ihre normative Kontrolle über Staat und Gesellschaft zu rechtfertigen. Wer weiss, vielleicht wird die Bundesrepublik sogar irgendwann zu einem säkularen Staat, der sich nicht mehr in Glauben und Moral seiner Bürger einmischt …

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Zehn Jahre Fliegendes Spaghettimonster – Was tun?

Das Fliegende Spaghettimonster (englisch Flying Spaghetti Monster, kurz: FSM) ist die Gottheit einer im Juni 2005 vom US-amerikanischen Physiker Bobby Henderson begründeten Religionsparodie. Ihre Anhänger bezeichnen sich selbst als Pastafari oder Pastapiraten.

Dies ist ein Gastbeitrag des begeisterten Pastaverehrers Mr. MIR. Wer Lust hat mit ihm an einer (virtuellen) Jubiläumsfeier teilzunehmen, möge sich bitte hier eintragen.

Ramen, liebe Schwestern, Brüder und Piraten!

Seit nun schon neun Jahren haben wir eine neue Weltreligion zur Verfügung. Nächstes Jahr im Juni ist unser zehnjähriges FSM-Piratenbestandsjubiläum :) Hiermit rufe ich alle deutschsprachigen Pastapiraten auf, angemessene Feierlichkeiten zu begehen! Vergesst nicht, insbesondere im Jubiläumsmonat Juni 2015 die drei wöchentlichen Feiertage Freitag, Samstag und Sonntag auszunutzen, um z.B. Eure Kinder taufen zu lassen. Falls Ihr einen neuen Führerschein oder Perso beantragt, vergesst nicht, Euch für das Foto anständig zu kleiden! Auch im Berufsleben sind rituelle Regeln einzuhalten. Und befolgt auch im Sommer alle anderen pastafarianischen Rituale ein bisschen frommer.

Für die Feierlichkeiten könnten wir ja auch ein kleines Fachsymposium abhalten – zumindest online – um die bisherigen Entwicklungen unserer Religion zu reflektieren:

Wir sollten diese historischen und wissenschaftlichen Ergebnisse in einem Konferenzband sammeln und der Nachwelt erhalten. Es ist auch an der Zeit, unsere Piratengeschichte niederzuschreben! Wir sollten uns zusammenrotten und gemeinsam ein deutsches Nudelwiki machen. Das wäre doch toll, nicht? Ich habe vorsorglich die URL http://de.fsm.wikia.com eröffnet und warte auf Eure Ideen und Beiträge!

Aber vielleicht sollten wir auch die Uni Jena anmieten, und dort – wie andere Kreationisten auch – eine Party steigen lassen.

Ramen,

Mr_MIR@live.de

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Heiliger, toter Papst erschlägt Jugendlichen

Vor einer Weile wurde Ex-Papst Wojtyla durch Papst Franz heilig gesprochen. Das war laut Kirchenrecht möglich, da dem Ex-Papst zwei Wunder “nachgewiesen” wurden, die von der katholischen Kirche weltweit abgefeiert wurden: Zwei Damen, die französische Ordensschwester Marie Simon-Pierre und die katholisch-gläubige Costaricanerin Floribeth Mora Diaz, wurden angeblich auf Bitte des toten Papstes an seinen Gott von Lähmungen geheilt. Papst Wojtyla, so werden wir informiert, ist demgemäß wohlauf und genießt sein zweites Leben an der Seite seines Gottes. Im Rahmen eines Berichtes schreibt “Die Presse” von anderen Ereignissen, die sich zeitgleich zutrugen:

In denselben Minuten, in denen Floribeth Mora Diaz diesen Donnerstag von ihrer Heilung erzählt, melden italienische Agenturen, ein 21-jähriger Jugendleiter sei „vom Kreuz des Papstes erschlagen worden“. Der tonnenschwere, 30 Meter lange Stamm mit dem sechs Meter langen Korpus krachte in sich zusammen, als die Jugendgruppe darunter spielte. Das Kreuz stand auf einer Bergwiese in der Nähe des oberitalienischen Brescia und war zum Besuch von Johannes Paul II. 1998 aufgerichtet worden. Für Marco G., teilte die Polizei lapidar mit, sei jede Hilfe zu spät gekommen. Ein Wunder kam schon gleich gar nicht.

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Papst Franz beschließt: Papst Wojtyla ab jetzt heilig

Prinzipiell können die katholischen Päpste sich natürlich gegenseitig so viele Orden verleihen, wie sie wollen – das machen die Politiker und Militärs ja auch so. Da sie aber im Gegensatz zu diesen einen Anspruch von Unfehlbarkeit und absoluter moralischer Überlegenheit erheben, sollte man zumindest oberflächlich überprüfen, wie dies begründet wird. Wird hier möglicherweise geschwindelt?

Damit eine Person heilig gesprochen werden kann, muss sie zuerst selig gesprochen werden, dazu bedarf es eines “tugendhaft christlichen Lebens und Wirkens”. Nun ja, da ein Papst während seiner Amtszeit selbst definiert, was jeweils “tugendhaft christlich” ist, wird Papst Wojtyla diese Bedingung wohl erfüllt haben. Also: check.

Dann bedarf es noch zweier bestätigter Wunder. Ein Wunder, das ist das zeitweilige Aussetzen der Naturgesetze durch eine Gottheit auf Bitte eines Einzelnen hin. Ich bitte den Gott also um sechs Richtige im Lotto, der greift in die Ziehung ein, das Wunder ist geschehen. Wenn eine tote Person auf Bitte eines Gläubigen ein Wunder veranlassen kann, dann bedeutet das, dass sie a. noch in irgendeiner Form existiert und b. einen direkten Draht zum wundertätigen Gott hat. Sie ist also heilig.

Der tote Papst Wojtyla soll, wie jetzt durch Papst Franz bestätigt wurde, wohlauf sein und den Gott dazu bewogen haben, zumindest zwei Wunder zu vollbringen: Die Heilung einer Ordensschwester von einer Lähmung infolge von Parkinson und die Heilung einer zweiten Dame von einer Lähmung infolge einer Gefäßerweiterung.

Keine Lähmung mehr: Ordensschwester Marie

Zur “Heilung” der französischer Ordensschwester Marie Simon-Pierre, die Mitglied des katholischen Ordens “Kleine Schwestern der Katholischen Mütterschaft” (kein Witz!) ist, hatten wir bereits etwas geschrieben: Sie litt an Lähmungserscheinungen der linken Hand und des linken Beins, die ein Provinzarzt offenbar als Symptome der Parkinson’schen Krankheit diagnostizierte. Als bekannt wurde, dass der von den Kleinen Schwestern hochverehrte Johannes Paul II. selig gesprochen werden sollte und man auf der Suche nach einem Wunder sei, das diesen Schritt rechtfertigen würde, begannen die Schwestern ganz doll zu dem verstorbenen Papst zu beten. Und siehe da: Die Lähmung verschwand, herbei gerufene Ärzte fanden keine Spuren einer Parkinson-Erkrankung.

Die einfachste Erklärung ist hier natürlich kein vollbrachtes Wunder, sondern eine schlichte Fehldiagnose: Der Arzt kann psychosomatisch bedingte Lähmungen durchaus ehrlich für Parkinson gehalten haben. Natürlich finden die nach der “Heilung” herbei gerufenen Ärzte dann keine Spuren der Krankheit. Möglicherweise haben die begeisterten Schwestern ja auch etwas geschummelt, um ihrem Idol zum “verdienten” Seligen-Status zu verhelfen.

Keine Lähmung mehr: Floribeth aus Costa Rica

Der Costaricanerin Floribeth Mora Diaz ist Papst Wojtyla am Tag seiner Seligsprechung im Traum erschienen; “steh auf und hab keine Angst mehr” habe er zu ihr gesagt. In Folge dessen hätten sich ihre Lähmungen, die Folge eines Aneurysmas gewesen seien, zurück gebildet. Die Frau wirkt fit, von Lähmungserscheinungen ist in der Tat nichts zu sehen. In der völlig unkritischen Berichterstattung der Tagesschau behauptet sie: “So etwas Außergewöhnliches kann nur ein Wunder sein”. Ihr katholisch-gläubiger Hausarzt sieht das genau so.

Selbstverständlich bilden sich Aneurysmen auch auf natürliche Weise zurück, das will hier jedoch niemand hören. Als Belohnung für ihre Dienste wurde die Dame zur Heiligsprechung des Ex-Papstes nach Rom eingeladen, was sicherlich einer der schönsten Tage in ihrem Leben werden wird.

Sind die Wunder nun erwiesen?

Völlig wunderfreie Erklärungsansätze gibt es also für beide “wundersamen Heilungen” genug. Erstaunlich ist in diesem Kontext, dass der allmächtige Gott noch nie nachweisbar einen Menschen von einer Amputation geheilt hat, also etwas wirklich wissenschaftlich Unmögliches vollbracht hat. Stattdessen findet sich immer wieder die Trias: 1. einer Person geht es schlecht und sie fühlt Lähmungen, 2. ein emotional aufwühlendes, euphorisierendes Ereignis findet statt, 3. die Lähmung verschwindet. Ob hier nicht eher psychosomatische Effekte zumindest eine Rolle spielen?

Ist durch diese prosaischen Erklärungsansätze denn nun komplett ausgeschlossen, dass es sich um ein göttlichen Eingriff auf Bitte des toten Papsts Wojtyla handelt, der sich an der Seite seines Gottes eines zweiten Lebens erfreut? Nein – Es ist aber eben auch nicht bewiesen.

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Euer Gott kann uns gar nix!

Liebe Atheisten und andere Jahwe-Ungläubige,

von höchster Stelle haben wir bei MGEN soeben die Versicherung erhalten, dass die meisten von uns gegen die Macht der wilden Bibel-Gottheit Jahwe immun sind, und wir uns daher nicht vor Blitz, Donner und ewiger Höllenfolter zu fürchten brauchen. Denn (Richter 1.19):

Und der HERR war mit Juda, und er nahm das Gebirge in Besitz. Aber die Bewohner der Ebene waren nicht zu vertreiben, weil sie eiserne Wagen hatten.

Zumindest diejenigen von uns, vor deren Haus ein eiserner Wagen steht, sei es VW, Opel oder ein Japaner, sind also vor dem Zorn des Gottes sicher. Und die anderen können sich bestimmt beim Herannahen der Apokalypse noch schnell ein Mietauto sichern.

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Über “Tausende von Prophezeiungen in der Bibel”

Ab und zu macht die Diskussion mit Religionisten richtig Spaß, manchmal lernt man sogar noch etwas dabei. So schrieb vor einer Weile der Kommentator “Der Kritische” von der

… Tatsache, dass sich tausende Prophezeiungen der Bibel erfüllt haben …

“Schon wieder einer”, dachte ich, schrieb zurück “Nenne drei!” und hielt die Sache für erledigt. Aber nein! Am nächsten Tag fand sich folgende Antwort:

Gerne!

Oh, wie erfreulich! Der Kommentator hatte sich wirklich die Mühe gemacht, die drei für ihn überzeugendsten Prophezeiungen der Bibel zusammen zu suchen. Auch hier sei ihm nochmals gedankt dafür, und für seine Bereitschaft sich auf die skeptischen Fragen Ungläubiger einzulassen. Seine Argumente werden in diesem Post etwas verkürzt dargelegt, sie können hier komplett nachgelesen werden.

Eine gültige Prophezeiung muss eine Reihe von Kriterien erfüllen: U. a.  muss sie zutreffend sein, sie muss vor dem betreffenden Ereignis gemacht werden, das Ereignis muss außergewöhnlich sein (“Morgen früh wird die Sonne aufgehen” ist keine Prophezeiung), sie muss exakt sein (“Du wirst einen hochgewachsenen Fremden treffen” auch nicht), und die Prophezeiung darf das Ereignis nicht selbst auslösen (“Kellner, ich prophezeie eine Pizza!” – “Hier, bitte!” – “Ein Wunder, ein Wunder!!”)

Mal schauen, was von den Lieblingsprophezeiungen von “Der Kritische” übrig bleibt, wenn man diese Kriterien und etwas Geschichtsbuchwissen anwendet.

Erste Prophezeiung: Die Zerstörung der Stadt Tyrus

Er beginnt mit einem recht langen Zitat zur Zerstörung der antiken Stadt Tyros, das hier – man wird sehen, warum – vollständig wiedergegeben wird:

“3 darum, so spricht GOTT, der Herr: Siehe, ich komme über dich, Tyrus, und will viele Völker gegen dich heraufführen, wie das Meer seine Wellen heraufführt! 4 Und sie werden die Mauern von Tyrus zerstören und ihre Türme niederreißen; und ich will das Erdreich von ihr wegfegen und sie zu einem kahlen Felsen machen; 5 zu einem Ort, wo man die Fischernetze ausspannt, soll sie werden inmitten des Meeres. Ich habe es gesagt, spricht GOTT, der Herr, sie soll den Völkern zur Beute werden! […] 12 Und sie werden deinen Reichtum rauben und deine Handelsgüter plündern; sie werden deine Mauern niederreißen und deine Lusthäuser zerstören; sie werden deine Steine, dein Holz und deinen Schutt ins Wasser werfen. 13 So will ich dem Lärm deiner Lieder ein Ende machen, und dein Saitenspiel soll künftig nicht mehr gehört werden. 14 Ich will einen kahlen Felsen aus dir machen; du sollst ein Ort werden, wo man die Fischernetze ausspannt, und du sollst nicht wieder aufgebaut werden.” (Hesekiel 26, 3-14)

Tyrus wurde zerstört, aber die Trümmer blieben zunächst liegen. Erst ca 250 Jahre später wollte Alexander der Große eine naheliegende Inselstadt einnehmen. Da seine Flotte allerdings nicht dafür ausreichte, warf er die Stadttrümmer von Tyrus ins Wasser und erbaute somit eine Brücke zur Inselstadt. Die Stadt Tyrus wurde nie wieder aufgebaut, und noch heute trocknen die Fischer ihre Netze auf den Felsen.

“Noch heute trocknen die Fischer ihre Netze auf den Felsen” – Beeindruckend, oder? Mal schauen, was Google Maps dazu sagt, wenn man “Tyros, Libanon” eingibt.

 

Hm, nach “nie wieder aufgebaut” sieht das nicht aus. Wikipedia spricht von aktuell über 100.000 Einwohnern. Also weiter!

Interessant ist die Stelle, an der “Der Kritische” mit Auslassungszeichen von Vers 5 zu Vers 12 springt. Im ausgelassenen Teil findet sich nämlich die exakte Vorhersage, wer denn die Stadt zerstören werde, nämlich “Nebukadnezar, König von Babel”. Nun hat dieser Nebukadnezar Tyros zwar belagert, aber nicht zerstört, und schon gar nicht zu einem “kahlen Felsen” gemacht. Stattdessen haben sich die Bewohner nach einer langen Belagerung im Jahr 568 v. Chr. ergeben und dann die babylonische Herrschaft akzeptiert.

Zweite Prophezeiung: Die babylonische Gefangenschaft

Als zweites Argument führt “Der Kritische” die Vorhersage der babylonischen Gefangenschaft ins Feld:

Gott redet durch Mose zu den Israeliten und sagt ihnen, was geschehen wird wenn sie Gott nicht gehorchen würden: “Deine Söhne und deine Töchter werden einem anderen Volk gegeben werden, und deine Augen müssen es ansehen und den ganzen Tag nach ihnen schmachten, aber deine Hand wird machtlos sein. […]”

Die Juden wurden 617-607 v. Chr. nach Babylon ins Exil geführt.

Korrekt. Das Buch Deuteronomium, aus dem diese Prophezeiungen stammen, wurde allerdings erst nach dieser Zeit, nämlich im 6. Jahrhundert, “gefunden” und dann nachträglich zu den anderen vier Büchern Mose hinzugefügt (siehe 2 Könige 16). Es handelt sich also eher nicht um einen übernatürlichen Eingriff, sondern um ein Vaticinium ex eventu, eine nachträgliche “Vorhersage” bereits bekannter Ereignisse.

Auch über die anschließende Rückführung Israels gibt es Prophetien: [Es folgen sehr ausführliche Zitate aus 5 Mose 30 und Jeremia 31]

Die Rückkehr Israels geschah im Laufe des 20. Jahrhunderts; der Staat Israel wurde 1948 neugegründet.

Nein, nein, Sie können nicht beides haben! Entweder die Weissagung betrifft das babylonische Exil und die anschließende Rückkehr nach Palästina oder sie bezieht sich auf die Staatswerdung Israels 1948. Oder hat Ihr Gott vielleicht beide Ereignisse mit einer Prophezeiung abgeräumt? – Besonders exakt wäre das jedenfalls nicht.

Dritte Prophezeiung: Krieg! Überall Krieg!

Die dritte Prophezeiung bezieht sich laut “Der Kritische” auf unsere heutige Zeit und ist daher ganz besonders brisant:

”Ihr werdet aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören; habt Acht, erschreckt nicht; denn dies alles muss geschehen; aber es ist noch nicht das Ende. Denn ein Heidenvolk wird sich gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden hier und dort Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben geschehen. […]”

Man muss sich nur mal die Nachrichten ansehen um dies bestätigen zu können.

Diese Sache wird besonders von evangelikalen Christen immer wieder als Beweis für das unmittelbare Bevorstehen der Apokalypse ausgepackt. Warum, das ist mir um ehrlich zu sein ein Rätsel. Denn, so traurig es auch ist: Zu welcher Zeit gab es denn keine “Kriege und Kriegsgerüchte”? Gab es irgendwann mal eine Zeit, zu der die Menschen nicht durch “Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben” geplagt wurden? Nein, als Beweis, dass der Prophet speziell die Umstände unserer Zeit vorhergesehen hat, taugen diese Zeilen sicher nicht.

Ein Nachwort des Kommentators

Nachdem er nun die drei überzeugendsten Prophezeiungen der Bibel aufgezählt hat, schließt “Der Kritische” mit folgenden Worten:

Wer meint, die Prophezeiungen seien erst nach ihrer Erfüllung aufgeschrieben worden, der irrt. So wurden 1947 Bibelhandschriften gefunden, die nach übereinstimmendem Urteil mehrerer Forscher auf die Zeit vor Christi Geburt datiert werden. Eine Schrift davon, die Jesaja-Rolle, enthält eine Menge Prophetien über Jesus Christus.

Hier denkt der Kommentator immerhin schon in die richtige Richtung: Bei den Prophezeiungen könnte ja geschummelt worden sein. Offenbar kommt er jedoch nicht auf die Idee, dass die Autoren des Neuen Testaments die Schriften Jesajas und anderer “Propheten” natürlich kannten, und Schlüsselereignisse in ihren Geschichten so drehten, dass sie auf das staunende Publikum wie die Erfüllung uralter Vorhersagen wirkten.

Aus dieser Perspektive werden einige der absurden Schlenker der Evangelien plötzlich klar.  Darunter ist z.B. die Frage, warum Jesus von Nazareth mit dem Hilfskonstrukt einer Volkszählung, zu der es in den Chroniken des straff organisierten römischen Reiches keinerlei Aufzeichnungen gibt, und deren einer Auftraggeber (Herodes der Große)  zur angegebenen Zeit bereits tot war, der andere (Publius Sulpicius Quirinius) noch nicht im Amt, unbedingt nach Bethlehem gezerrt werden musste (Prophezeiung in Micha 5.1, der Messias stamme aus Bethlehem). Die von Jesaja (7.14) prophezeite und von Matthäus abgefeierte Jungfrauengeburt ist im besten Fall ein Übersetzungsfehler (parthenos sowohl “Jungfrau” als auch einfach “junge Frau”), im schlechtesten eine dreiste Täuschung. Fast schon unnötig zu sagen, dass es auch zu dem von Jeremia vorhergesagten und angeblich vom (bereits toten) Herodes befohlenen Massenmord an Kleinkindern in Bethlehem keinerlei Aufzeichnungen gibt.

Auch im späteren Verlauf der Geschichte wird nicht gerade respektvoll mit der Wahrheit umgegangen: So gibt der göttliche Jesus selbst den Jüngern den Auftrag, ihm zu seiner Ankunft in Jerusalem einen Esel -uhm- “auszuleihen”, weil er damit (nach eigener Aussage) eine Reihe von Prophezeiungungen (u.a. Zacharias 9.9) erfüllen will.

Fazit: Null Prophezeiungen

Nach etwas näherer Betrachtung bleibt von den drei wichtigsten und beeindruckendsten Prophezeiungen der Bibel nicht mehr viel übrig: 1. Die Stadt Tyros wurde von Nebukadnezar nicht zerstört und auch nicht für immer verödet; 2. die Prophezeiungen zur bablyonischen Gefangenschaft wurden erst gemacht, als diese schon lange bekannt war; und 3. die Vorhersage von “Kriegen und Kriegsgerüchten” ist so allgemein, dass sie irgendwie immer stimmt. Kann man davon ausgehen, dass sich all die “tausende Prophezeiungen der Bibel” bei näherer Betrachtung dergestalt in Luft auflösen?

Erstaunlich ist, mit welcher Bereitschaft gläubige Menschen diese fadenscheinigen Behauptungen der Priester und Propheten als Wahrheiten akzeptieren. Wenn sich ein Sachverhalt entweder durch einen übernatürlichen Eingriff eines Gottes in den Lauf der Welt oder auch durch eine – ach so menschliche – kleine Schwindelei erklären lässt, wieso setzt man dann anscheinend zielsicher auf die so absurd unwahrscheinliche Variante? – Es bleibt unverständlich.

“Ein Wunder! Ein Wunder!”:

  • “Die Wahrscheinlichkeit zur Erfüllung aller Voraussagen ist damit gleich Null, d. h. der Zufall scheidet als Erklärungsversuch aus” (Web)
  • “Tausende von Prophezeiungen der Bibel sind eingetroffen und bestätigen deutlich Gottes Wort”(Web)
  • “Der Geburtsort von Christus (Messias) wurde vorhergesagt …” (Web)
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