Zur Nichtreduzierbaren Komplexität des menschlichen Auges

Es ist überhaupt kein Wunder, dass viele Religionisten den Evolutionsunterricht so stark hassen und bekämpfen. Man muss es klar sagen: Hat man die natürlichen Mechanismen von Selektion und Mutation erstmal verstanden, erklärt sich die Vielfalt des Lebens quasi von selbst. Damit fällt dann auch das letzte klassische Argument weg, dass zur Erklärung der Welt irgendwie das magische Eingreifen einer Gottheit notwendig sei.

Als absolut sicheres Killerargument zum Widerlegen der Evolutionstheorie gilt dabei insbesondere in evangelikalen Kreisen die „Nichtreduzierbare Komplexität“. Dieses immer und immer und immer und immer wieder vorgebrachte Bauernfängerargument klingt dann oft so:

Wußtest Du, daß die zentrale Behauptung der Evolutionstheorie lautet, daß sich in der natürlichen Auslese stets nur diejenigen Eigenschaften durchsetzen, die beim Überleben nützlich sind? Doch sind sämtliche Organe unseres Körpers nur dann nützlich, wenn sie funktionieren und vollständig sind. Wem nützt ein unvollständiges Auge?

Gemäß dieses „tollen“ Arguments steht dann dann nach Ansicht der Religionisten natürlich fest, dass die Evolutionslehre falsch sein muss, und daher unmittelbar folgend der Kreationismus (also die Idee, dass die Erde vor 6.000 Jahren quasi fix und fertig in sieben Tagen geschaffen worden sei) wahr sein muss.

Okay, um nun nicht in elende Detailbeschreibungen auszubrechen hier eine wirklich schöne Übersichtsgrafik aus der deutschen Wikipedia. Die einzelnen Phasen der allmählichen, 200 Millionen Jahre währenden Evolution des Wirbeltierauges zeigen sehr schön, dass Komplexität eben doch „reduzierbar“ ist. Die ganze Zeit über war der jeweilige Zustand der „Augen“ zum Überleben nützlich. Die einzelnen Phasen werden wiefolgt beschrieben:

Evolutionsstufen des Säugetierauges (Quelle)

(a) Lichtempfindliche Pigmentflecken ermöglichen es primitiven Tieren, hell und dunkel zu unterscheiden. Ein fassbarer Vorteil: Sobald ein Wesen einen vorbei huschenden Schatten wahrnimmt, kann es in Deckung gehen.

(b) Durch einfache pigmentierte Vertiefungen kann ein Wesen die Richtung, aus der Licht scheint, wahrnehmen.

(c) Aus diesen Mulden bilden sich dann Augenbecher. Durch den „Camera obscura“-Effekt können die Wesen Bilder erkennen.

(d) Schon fast da: Ein Linsenauge bündelt Licht so, dass auf der Netzhaut ein scharfes Bild entsteht.

Und schließlich: (e) Das „fertige“ Wirbeltierauge.

Ob ein Wikipediaautor der fernen Zukunft das Diagramm wohl noch um die Stufen (f) bis (z) erweitern muss?

Edit: Richard Dawkins fasst den Prozess sehr anschaulich zusammen, und wird von einem sehr sehr dummen Christen nicht verstanden.

Biologen mögen mir bitte die krassen Vereinfachungen in diesem Artikel verzeihen.

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8 Antworten zu Zur Nichtreduzierbaren Komplexität des menschlichen Auges

  1. omnibus56 schreibt:

    In The Royal Institute of Christmas Lectures 1991 „Waking up in the Universe“ hat Richard Dawkins das (und noch einiges andere) ausführlich erklärt. Dass man mehr als zwanzig Jahre später immer noch mit dem Blödsinn konfrontiert wird, ist echt traurig.

    Von Religioten aus dem Bekanntenkreis höre ich das auch hin und wieder. Von manchen bin ich sicher, das schon mal erklärt zu haben. Dann versuche ich es halt nochmal… (Cato, wenn Du verstehst 🙂 ) Das Blöde ist daran, dass sie öfter unter „ihresgleichen“ sind und immer wieder in die falschen Denkmuster zurückfallen.

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  2. Thorsten schreibt:

    „Wußtest Du, daß die zentrale Behauptung der Evolutionstheorie lautet, daß sich in der natürlichen Auslese stets nur diejenigen Eigenschaften durchsetzen, die beim Überleben nützlich sind?“

    Meistens kann man den Vorträgern dieser Theorie schon an den Kopf werfen: Die Grundannahme ist falsch. Würden nur nützliche Eigenschaften sich durchsetzen, wäre jede Spezies perfekt an ihren Lebensraum angepasst. Perfekt angepasste Lebewesen, die keinerlei üerflüssigen Eigenschaften hätten, würden aber aussterben, sobald sich der Lebensraum einmal verändert.

    Vielmehr sieht es doch so aus: Sobald eine Gruppe sich an ihren Lebensraum angepasst hat, sinkt der Selektionsdruck und in Zeiten mit geringem Selektionsdruck, ist die Natur „verschwenderisch“, sie geht mit kleinen Schritten jeden möglichen Weg. Solange ein Merkmal nicht sofort tödlich ist, spricht nichts dagegen, dass unnützes, selbst schädliches (z.B. Sichelzellenanämie), entsteht und vererbt wird.

    Dadurch gibt es ja überhaupt erst die verschiedenen „Kandidaten“, die es der Gruppe ermöglichen, dem Selektionsdruck standzuhalten und sich fortzuentwickeln, sollten sich die Lebensumstände der Spezies ändern. Woher auch immer diese Grundannahme kommt, mit Evolution ist sie schlecht zu vereinbaren.

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  4. Dalek Sander schreibt:

    Auch wenn der Blogeintrag etwas älter ist (wobei… was sind eineinhalb Jahre denn schon angesichts der Ewigkeit?™), so kann ich Folgendes nicht unausgesprochen lassen:

    Das Auge, bleiben wir der Einfachheit halber beim menschlichen Organ, ist nicht einmal annähernd so perfekt, wie es KreationisInNen gern behaupten. Im Gegenteil: wir Menschen sind stets dabei, die Fähigkeiten unserer Augen mit technischen Mitteln zu verbessern.

    Im Grunde bildet die einfache Linse unseres Auges nur in der Mitte des „Sensors“ scharf ab, wobei die Fokussierung auf „C-AF“ steht, also im Fokus-Nachführmodus. Als Fotokamera wäre so ein System gar nicht erst auf den Markt gekommen. Mit Hilfe einer Camera obscura (aka „Lochkamera“) lässt sich in etwa visualisieren, was unser Auge tatsächlich optisch erfasst.

    Erst der durch die Evolution dahinter geschaltete, leistungsfähige Bildbearbeitungs-Rechner mit selbst lernender Software macht das wichtige Organ erst überhaupt für uns brauchbar. Wobei sich auch dieser Rechner allzu leicht hinters (nomen omen) Licht führen lässt, siehe optische Täuschungen aller Art.

    Das stark eingeschränkte Spektrum der Wellenlängen, das unserer Sehrkraft zugänglich ist, spricht auch für die Evolution, denn im Falle göttlicher Urheberschaft würden wir wenigstens das Licht der Wahrheit mit bloßem Auge beobachten können…

    Ich habe trotzdem gern beide Augen funktionsfähig im Kopf, auch wenn die Leistungsfähigkeit dieser angeblich so perfekten Konstrukte bei nahezu jedem Menschen ab der spätestens fünften Lebensdekade bekanntermaßen graduell nachlässt. Da fällt mir ein, ich brauch eine neue Brille…

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    • Dalek Sander schreibt:

      Nachtrag: Als erstes muss der Bildverarbeitungs-Rechner das Bild, das der Auge-Scanner liefert, um 180 Grad umdrehen, es also auf den Kopf – bzw. „auf den Fuß“ – stellen. Das können Fernrohr-Hersteller wie selbstverständlich schon seit „Ewigkeiten“, und zwar ohne Bildprozessor. So viel zum Thema „perfektes Instrument“.

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