Über Tellurische Ströme

Es ist immer wieder zum Lachen, was die Esoterikszene so alles hervorbringt! Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass es wirklich Leute gibt, die an die „geheimnisvolle Macht der tellurischen Ströme“ glauben. Tellurische Ströme sind, so die Esoterikfraktion, geheime Energiepfade, die durch die Erde verlaufen und an bestimmten Knotenpunkten hervortreten. Wem es gelingt sie anzuzapfen, der erhält unerhörte Macht.

Problem: Die geheimnisvolle Kraft der tellurischen Ströme hat der Schriftsteller Umberto Eco erfunden, für seinen Roman „Das Foucaultsche Pendel„. In dem (sehr unterhaltsamen) Buch denken sich drei Lektoren aus einem Esoterika-Verlag zum Spaß eine gigantische Verschwörungstheorie aus, die alle routinemäßig von den Verlagsautoren vorgebrachten Spinnereien in sich vereint. Die sich über drei Jahrtausende erstreckende Geschichte erzählt von den tellurischen Strömen, die von den mittelalterlichen Tempelrittern bei den Kreuzzügen entdeckt worden seien, die daraufhin ihre eigene Auflösung und Verfolgung vortäuschten um in Ruhe die Ausbeutung der Ströme vorbereiten zu können. Doch es wird eng für die Lektoren: Die Esoteriker beginnen die erfundene Geschichte zu glauben und rücken ihnen bedrohlich auf die Pelle, um die vorgebliche große Machtquelle für sich zu gewinnen.

Um so absurder ist es, dass offenbar auch real existierende Esoteriker im 21. Jahrhundert die Macht der tellurischen Ströme für bare Münze nehmen und sich auf die Suche nach den geheimnisvollen Knotenpunkten machen. Und zwar quer durch die Bank, von sanftmütigen Engelsgläubigen bis zu stramm unangenehmen Menschen aus der rechten Ecke.

Ihr glaubt nicht, dass Leute wirklich so dumm sein können? – Here we go!

U-Bahnen: Perfide Werkzeuge der Templer

Fangen wir doch mal bei dieser Seite über die „Verschwörung der Illuminaten“ an:

Viele Geheimgesellschaften wollten tellurische Ströme erkunden und lenken. Die U-Bahn-Tunnel waren die exoterische Tarnung dafür. Die Weisen von Zion haben sie finanziert, um die so unterminierten Hauptstädte in die Luft sprengen zu können.

Ah ja. Nach dieser gewagten These stellt die Seite zurecht fest: „Diese Erdströme. Sie sind umstritten“ und fragt dann weiter „Woher kommen sie? Und vor allem, wofür sind sie wichtig? Was bewirken sie?“ – Tja, das weiss wohl niemand. Dann folgt eine Art Zusammenfassung der ausgedachten Verschwörungstheorie aus Ecos Buch:

Die tellurischen Ströme werden mit den Templern in Zusammenhang gebracht. Die Templer fanden auf den Kreuzzügen eine mächtige Energiequelle. Sie war mächtiger als jede bekannte Energieform. Mit ihr soll sogar die Plattentektonik verändert werden können. Anscheinend stammt diese Technik aus Atlantis. Die Templer nannten den Zugang zu der Kraftquelle „Umbilicus Mundi“ – Nabel der Welt. Handelt es sich um eine Maschine aus Atlantis? Oder um außerirdische Technologie?

Und dann: „Sie konnten sie [die Ströme] damals noch nicht nutzen.“ Die Templer „nehmen die Vernichtung ihres Ordens in Kauf. Denn nur im Verborgenen können die Templer die Erdströme weiter erforschen.“

Endlich mal Klartext: Kathedralen speichern tellurische Energie

Bei astrologie.de erfahren wir, dass die tellurischen Ströme schon deutlich vor den Tempelrittern bekannt waren:

Ursprünglich suchten die Menschen dafür diese Ströme in Höhlen auf, oder benutzten Wasser von Quellen, die unter dem Einfluß eines tellurischen Stromes standen (daher die heiligen Brunnen). Gab es keine Höhlen, baute man welche. Die Dolmenkammern z. Bsp. sind solche Höhlen. Bei den Christen ist es die Krypta.

Insbesondere bauten sie auch die Krypta der Kathedrale von Chartres, die, so werden wir informiert, zur Bündelung der Ströme offenbar besonders geeignet ist:

Mönche versuchten jetzt die Strahlung zu verstärken, einmal durch die Bauweise (geometrische Proportionen usw.) und dann durch Musik (Gregorianik).

Erzengel Metatron  – Ihr Einsatz bitte!

Auf dieser Seite werden wir freundlich vom „Erzengel Metatron“ begrüßt: „Ich Bin Metatron, Herr des Lichts! Ich umarme jeden von euch in Licht, in Liebe.“

Und wie es sich für waschechte Engel gehört, lässt sich Metatron durch einen irdischen Esoteriker channeln und informiert uns in diesem Rahmen auch über Entstehung und Wirkungsweise der tellurischen Ströme:

[J]ede heilige Stätte kann das menschliche elektromagnetische Feld beeinflussen und tut es. Zusätzlich werden die Lichtbögen und Winkel von Planeten und Sternen die Bereiche tellurischer Energiepools (in euren Begriffen als elektrische oder auswärts gerichtete Vortices bezeichnet) nähren und beeinflussen, und können tatsächlich je nach ihrer Ausrichtung einwärts gerichtete Zugportale oder Öffnungen kreieren, welche Lichtenergie von stellaren und solaren Lichtphotonen, ebenso wie von planetaren und höherdimensionalen Gitternetzen empfangen.

So, jetzt wissen hoffentlich alle hierzu Bescheid. Danke dir, Metatron!

Unfassbar, mit was für einem zusammenkopierten Unsinn man in der Szene offenbar Geld machen kann. „Aufklärende“ Bücher, DVDs und Kurse zum Thema werden natürlich in großer Auswahl angeboten. Was unklar bleibt: Glauben diese Leute wirklich an die Wahrheit von Ecos Geschichte? Geht es ihnen also um die Verkündigung der „frohen Botschaft“? Vielleicht gepaart mit der Bestätigung der eigenen Wichtigkeit? Oder geht es auch hier nur darum, hilfesuchenden und ratlosen Menschen Kohle aus der Tasche zu ziehen?

 

Existiert das Übernatürliche?

Auch von Menschen, die die Fadenscheinigkeit der theistischen Argumente durchschauen, hört man oft die Aussage, dass es ja durchaus etwas Übernatürliches, etwas Höheres geben könnte. Fragt man nach einer Definition, wissen die Leute oft nicht so recht weiter. Etwas Übernatürliches, das ist etwas Spritituelles, Unerklärbares, Jenseitiges – eben etwas Höheres. Als Beispiele für übernatürliche Phänomene werden dann häufig Geister, feinstoffliche Schwingungen, Homöopathie, Nahtoderlebnisse, Götter, Orgonstrahlen oder Ecos tellurische Ströme angegeben.

Oft behaupten die Proponenten des Übernatürlichen, dass „die Wissenschaft“ genau weiß, dass paranormale Phänomene existieren, dies aber aus Angst oder Neid verheimlicht. Dazu sollte man wissen, dass eine Reihe von „Kopfgeldern“ für das Nachweisen übernatürlicher Phänomene existiert: U.a. bietet die US-amerikanische James Randi-Stiftung eine Million Dollar für den Nachweis von spirituellen oder paranormalen Phänomenen, die belgische Skeptiker-Organisation SKEPP legt eine Million Euro drauf, die deutsche GWUP nochmal 10.000 Euro. Diese Preise wurden nie abgeholt – weder von triumphierenden Esoterikern noch von cleveren Wissenschaftlern auf dem Weg zum Nobelpreis.

Wir versuchen im Folgenden den vermuteten, übernatürlichen Ereignissen etwas näher zu kommen. Als Warnung: Damit wir nicht in endlosen Einzelnachweisen stecken bleiben, geschieht dies auf einer eher abstrakten Ebene – Dieser Artikel ist also etwas theoretischer als bei MGEN üblich. Wir stellen ein paar Fragen an das Übernatürliche, überlegen und mögliche Antworten und schauen jeweils, was vom spirituellen, höheren Ereignis dann noch übrig bleibt.

Aus dem Übernatürlichen wird das Natürliche

Wir betrachten dazu zuerst, ob sich das jeweilige Ereignis auf das physisch vorhandene Universum irgendwie auswirkt oder in einer wechselseitigen Beziehung zu ihm steht. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder das übernatürliche Ereignis manifestiert sich im Universum oder es manifestiert sich nicht.

Falls sich ein Phänomen nicht manifestiert, also keinerlei Auswirkungen auf das Universum hat, kann es auch nicht gemessen oder beobachtet werden. Ob solche Phänomene existieren oder nicht ist eigentlich unwichtig: Sie beeinflussen uns nicht, wir bemerken sie nicht – sie sind nicht Teil der Universums. Zu ihren Auswirkungen und ihrem Verhalten sind keinerlei Aussagen möglich, ob sie existieren oder nicht ist unmöglich zu sagen. Das macht aber nichts, denn es gibt ja -definitionsgemäß- keinerlei Anzeichen für ihre Existenz – also insbesondere auch keinerlei Motivation, an rein jenseitige Phänomene zu glauben.

Anders ist es, falls sich ein Phänomen manifestiert, denn dann ist es beobachtbar. Geister erschrecken uns, klappern mit Pfannen oder Ketten, Homöopathie macht uns gesund, Götter schicken Blitz und Donner, Orgonstrahlen machen … was Orgonstrahlen eben so machen. Sollten solche „übernatürliche“ Phänomene existieren, wären sie zumindest teilweise in das physische Universum integriert, und daher mit wissenschaftlichen Methoden analysierbar – Sie sind damit ein uns bislang unbekannter Teil der Natur, also natürlich.

Aus dem Unerklärbaren wird das Unerklärte

Nun gibt es wieder zwei Möglichkeiten: Entweder ist das sich manifestierende, beobachtbare Phänomen in seinem Auftreten durch Regeln und Gesetze gebunden, oder es tritt vollständig zufällig auf. Im letzteren Fall handelt es sich um inkonsistentes Rauschen, das sich vielleicht mit „irgendwas mit Quanten“ begründen ließe. Solche Effekte wären dann zwar beobachtbar, aber wegen ihrer Zufälligkeit und Regellosigkeit nicht erklärbar, also wirklich unerklärlich.

Übernatürlichen Phänomene werden aber typischerweise nicht als rein zufällig geschildert. Magie, Geister, etc, folgen gemäß ihrer Fürsprecher bestimmten Mechanismen oder Gesetzen, die wir lediglich nicht kennen. Diese Regeln lassen sich dann mit wissenschaftlichen Methoden erforschen, funktionale Theorien und Modelle bilden. Aus unerklärlichen Phänomenen werden unerklärte, die dann durch Beobachtungen und Analysen zu erklärten Teilen des Universums werden. Unser Verständnis der Natur hat sich um das eben noch als „übernatürlich“ vermutete Phänomen erweitert.

Das zentrale Problem bei der Frage „Existiert das Übernatürliche?“ ist also, dass übernatürliche Phänomene, sobald sie wirklich entdeckt und beobachtet werden, aus dem übernatürlichen Bereich herausfallen und (möglicherweise unerklärter) Teil des natürlichen Universums werden. Seit der Renaissance ist die Zahl der als übernatürlich angenommenen Phänomene immer weiter gesunken und wird dies wohl auch weiter tun, wenn wir Menschen immer mehr über die Zusammenhänge im beobachtbaren Universum lernen. Die Frage „Ist etwas natürlich oder übernatürlich?“ ist somit eine inhaltsleere, bedeutungslose Frage.

Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist ununterscheidbar von Magie

Natürlich kann das Schlagwort „übernatürlich“ auch genutzt werden, um Menschen Thesen weiszumachen, die ganz offensichtlich gegen die bekannten Naturgesetze verstoßen. Da sind wir dann sehr schnell bei den bereits erwähnten Orgonstrahlern, bei Homöopathie oder Geistheilungen – alles zu erwerben gegen eine geringe Gebühr. Da der Esoterikmarkt allein in Deutschland pro Jahr etwa 25 Milliarden Euro umfasst, ist das Label „übernatürlich“ offenbar sehr erfolgreich. Nur wirklich überzeugte Personen werden Summen von über 1.000 Euro für „Entstörgeräte“ ausgeben, die „geopathische Strahlen“ reduzieren sollen.

Es gibt Vampire? Götter? Geister? Aber … wie sollen solche Wesen denn existieren können? – Kein Problem, der Geist ist übernatürlich, über weitere Zusammenhänge und Erklärungen müssen wir uns keine Sorgen machen. Der Begriff „übernatürlich“ wird als Ausrede benutzt; eine ehrliche Person muss hier zugeben, dass ihre Ideen wohl keinen Bestand haben.

Jede hinreichend analysierte Magie ist ununterscheidbar von Technologie

Fazit: „Übernatürliche“ Phänomene sollen jenseitig und unerklärbar sein, gleichzeitig aber im Universum verankert und mit wissenschaftlichen Mitteln mess- und beobachtbar. Damit sind sie zugleich natürlich und übernatürlich. Solche Phänomene kann es nicht geben, das Übernatürliche wird damit zurück geworfen auf (Selbst-)Täuschung und wissenschaftlich noch nicht komplett verstandene, natürliche Effekte. Dass es solche Effekte selbstverständlich gibt, wird jeder seriöse Wissenschaftler zugeben. Mehr als das, sie sind seit jeher ein wichtiger Antrieb für den menschlichen Wissensdrang.

Oder, um einen dummen Witz daraus zu machen: Wie nennt man ein übernatürliches Ereignis, das dokumentiert, verifiziert und wiederholbar ist? – Ein natürliches Ereignis.

25 Milliarden Euro – Das ist ganz schön viel Geld, mit dem man auch ganz schön viele Abmahnanwälte bezahlen kann. Daher gibt’s zu diesem Artikel keine Links.