Videotipp: The God Who Wasn’t There

Eine Stunde Zeit? Dann schnell die Popcornmaschine angeworfen, auf dem Sofa niedergelassen und „The God Who Wasn’t There“ angeschaut.

Der US-amerikanische Dokumentationsfilm (englisch, ca. 60 Minuten) von Brian Flemming untersucht, ob der bejubelte Jesus von den Ur-Christen als realer Mensch im historischen Palästina angesehen wurde, oder ob sie ihn vielmehr als eine mythische Gestalt verstanden – wie etwa Dionysos, Herkules, Horus und andere Göttersohne. Die Behauptung, Jesus sei ein real existierender Mensch gewesen, der in Palästina um die Zeitenwende gelebt habe, sei erst viel später im Rahmen einer systematischen Umdeutung der Legende entstanden. Der Apostel Paul, der maßgeblich für die Verbreitung des Christentums über die Grenzen Palästinas gewesen sei, habe Jesus noch eindeutig als mystische Gestalt wahrgenommen – die von Flemming vorgebrachten Stellen aus den Apostenbriefen hierzu sind durchaus beeindruckend.

Flemming wundert sich darüber, dass viele Christen zwar die vermeintlichen Kernglaubenssätze kennen, aber über Ursprung und Verbreitung ihrer Religion kaum etwas wissen. Er kritisiert sowohl das „moderate Christentum“, dessen Glaubenssätze mit der Bibel kaum mehr zu rechtfertigen seien (hier fallen Parallelen zu den deutschen Durchschnittsprotestanten auf, die sich die ihrer Meinung nach maßgeblichen Bibelstellen nach gusto zusammen suchen und anderswo auf der Welt kaum als Christen erkannt werden dürften), als auch die fundamentalistischen Vertreter, deren Weltsicht beherrscht wird von Blutdurst, Folter, Höllendrohungen und Menschenopfern. Über die diversen Folterskandale US-amerikanischer Machart wird sich nach dem Anschauen des Films kaum mehr jemand wundern.

Fazit: Ein unterhaltsamer Film über die Ursprünge des Christentums und deren systematisches Verbiegen durch heutige Christen. Wer Religulous“ mochte, dem wird auch „The God Who Wasn’t There“ gefallen.

 

Best of 2013 – Jehova! Jehova!

Zu jedem Jahresende das gleiche Spiel: Jahresrückblicke, wohin man schaut. Ob Günther Jauch oder die Bäckerblume – alle blicken sie mehr oder minder wehmütig auf das vergehende Jahr zurück. Und da Angriff bekanntermaßen die beste Verteidigung gegen nervenden Unsinn ist, haben wir bei MGEN beschlossen, ebenfalls einen Rückblick auf zwölf Monate Blogtätigkeit zu basteln. Hier also unser Best of 2013 …

Gottesbeweise: Null Hinweise auf die Existenz des Bibel-Gottes!

Wir sind Anfang des Jahres mit dem Vorhaben gestartet, uns einige „Gottesbeweise“ näher anzuschauen, wie sie von Religionisten immer wieder als Rechtfertigung für ihre Sonderrechte in Staat und Gesellschaft vorgebracht werden. Hauptsächlich ging es da um unser eigenes Verständnis der Argumentationen – die Begriffe „ontologischer Beweis“, „kosmologischer Beweis“ und „teleologischer Beweis“ sind ja recht ehrfurchtgebietend. Schon bei oberflächlicher Betrachtung wurde jedoch klar, dass die Argumente für die Existenz eines Bibel-Gottes unglaublich dünn sind, auf falschen Annahmen oder unsinnigen Schlussfolgerungen beruhen. Kein einziger der Beweise ergibt Sinn.

Hier die meistgelesenen Blogposts zum Thema:

  • Sämtliche bekannten Gottesbeweise: Gescheitert! – Hier stellen wir die bekanntesten Gottesbeweise vor und zeigen nach und nach, dass kein einziger von ihnen einer kritischen Betrachtung stand hält.
  • Wunder als Beweis für die Existenz Gottes – Wunder gibt es immer wieder? Viele Leserinnen und Leser sind mit uns der Meinung: Nein, so ein göttliches Aussetzen der Naturgesetze wurde nie nachgewiesen; sämtliche vorgebrachten „Wunder“ lassen sich sehr leicht ohne göttliche Eingriffe erklären.
  • Das Bananen-Argument für die Existenz Gottes – Die Banane als Gottesbeweis? Diese Argumentation eines US-Predigers schwappt in Wellen durch Facebook; viele Leserinnen und Leser wundern sich mit uns über den seltsamen Beweisversuch.
  • Öfter mal was Neues: Gottesbeweis per Thermodynamik – Das Zerlegen dieses Versuchs, mit Begriffen aus der Physik einen Gott herbei zu definieren, hat im Blog einen empörten Kommentarsturm ausgelöst.
  • Der DNA-Beweis für die Existenz Gottes – „DNA ist ein Code, Code setzt einen Programmierer voraus, dieser Programmierer ist Gott!!“ – Uhm, nein?
  • Der 747-Beweis für die Existenz Gottes – Ein beliebter Versuch, die Evolution zu diskreditieren, ist das 747-Argument. Er funktioniert nicht. Und wieso aus dem Widerlegen der Evolution die Behauptung „Es gibt Jahwe, die Bibel hat recht, das Christentum stimmt!!“ folgen soll, bleibt auch völlig offen.

Grundlagen von Religion und Esoterik: Null Hinweise auf Korrektheit!

Nachdem nun klar war, dass die einzelnen Gottesbeweise nichts taugen, haben wir uns näher mit einigen Grundlagen der Religionen beschäftigt. Hier die meistgelesenen Artikel diesem Bereich:

  • Kann man kategorisch beweisen, dass es keinen Gott gibt? – Die Frage ist gut, muss aber mit einem eher unbefriedigenden „unbekannt“ beantwortet werden. Das liegt nicht an tiefschürfend wissenschaftlich/philosophischen Gründen – sondern einfach daran, dass keine schlüssige Definition existiert, was so ein Gott eigentlich sein soll.
  • “Gott ist allmächtig, allwissend und allgütig!” – Nope, dieser Gott existiert nicht! – Während es für Götter allgemein keine sinnvollen Definitionen gibt, ist für konkrete Gottesbilder, wie den Bibel-Gott Jahwe, sonnenklar: So ein Wesen kann nicht existieren. Gäbe es einen allmächtigen, allgütigen Gott, sähe die Welt sehr anders aus.
  • Über Kampfbegriffe und Gottesbilder – Viele Theisten wollen zwar unbedingt über ihre jeweilige Religion diskutieren, kennen aber die entsprechenden Grundbegriffe nicht. Daher hier kurze Erläuterungen zu den Konzepten Theismus, Deismus, Pantheismus, Atheismus, etc.
  • Existiert das Übernatürliche? – Noch ein Blogpost, der Protestwellen aus der Esoterikecke ausgelöst hat. Kurz: Nein, etwas Übernatürliches existiert nicht. Sobald ein Phänomen beobachtet und eingeordnet wird, erweitert es unser Verständnis des Universums und wird somit natürlich.

Politik: Null Zahlreiche Sonderrechte für Kirchen und Religionen!

Weit oben in den Charts stehen auch einige der eher politischen Blogbeiträge:

  • Landesverfassung: “Ehrfurcht vor Gott … ist vornehmstes Ziel der Erziehung” – In einem Googlemarathon haben wir eine Reihe von kirchlichen Sonderrechten und religiösen Absurditäten aufgetan, die in Deutschland Verfassungsrang genießen. Die erstaunten Leserinnen und Leser teilten den Artikel exzessiv auf Facebook.
  • Bundestag stimmt für weitere “Staatsleistungen” – 480 Mio. Euro zahlt der Staat jedes Jahr an die Großkirchen. Nein nein, das sind nicht die Kirchensteuern, dieses Geld gibt’s obendrauf. Warum? Die Argumentation ist kompliziert, basiert auf angeblichen Verträgen aus dem Dreissigjährigen Krieg und lautet komprimiert „Weil das schon immer so war!!“ – Die Leserinnen und Leser teilten a. unsere Empörung und b. den Link, so dass der Artikel zu unserem meistgelesenen Blogpost wurde.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern noch schöne Feiertage und einen guten Start ins neue Jahr. Yeah, 2014!

Vermischte Anfragen: „Sind in der Bibel Uhren verboten?“

Viele Leute erreichen MGEN über Suchanfragen, die von WordPress.com brav mitgeschrieben und den Admins übersichtlich angezeigt werden: Täglich geben neugierige Menschen „Gottesbeweis mit DNA“, „Gott ist allmächtig“ oder „War Einstein religiös?“ bei Google ein und landen dann bei uns. Erstaunlich häufig findet sich auch die charmante Kombi „Kirchenfeinde Atheisten“.

Die meisten dieser Standardfragen werden in den Weiten des Internets ausführlich beantwortet; auf viele eher seltsame Suchanfragen finden die Ratsuchenden jedoch weder bei uns noch anderswo befriedigende Anworten. Um mit diesem Mißstand aufzuräumen, haben wir beschlossen eine Reihe ungewöhnlicher Suchanfragen aus dem Jahr 2013 zu bündeln und zu beantworten. Los geht’s!

warum sind im gefängnis bananen verboten?Diese Frage lässt sich wohl am besten mit dem Text einer anderen Suchanfrage beantworten: banane oberfläche rutschfest

warum hat gott wahle erschaffen? – Die armen Viecher sind enorm clever, aber verirren sich ständig, krepieren an Traumstränden und werden für etwas so Absurdes wie Lebertran abgeschlachtet. Ein allgütiger Gott hätte so etwas nie zugelassen. Gott hat also die Wale erschaffen um von seiner eigenen Existenz abzulenken.

gibt es atheisten in texas? – Ja, zum Beispiel in der Atheist Community of Austin, die sehr gute Podcasts wie The Non Prophets oder Godless Bitches anbietet, dazu die wöchentliche Fernsehshow The Atheist Experience, bei der sich anrufende Religionisten regelmäßig zum Affen machen.

grundgesetz, was gefällt dir? – Da diese Frage offensichtlich rhetorischer Natur ist, soll sie in der Sache unbeantwortet bleiben.

„Sind in der Bibel Uhren verboten?“

wo gibt es nackte jünglinge? – Nach kurzer Beratung zu Ihrer wahrscheinlichen Motivationslage empfehlen wir ein Besuch im Berliner Berghain oder in der Münchener Sauna Deutsche Eiche.

sind in der bibel uhren verboten? – Ja, insbesondere Handywecker mit aufdringlichem Klingelton, von denen das ganze Haus an Samstagen um halb sieben geweckt wird.

hat jesus ofter gelebt? – Da es offenbar zwei oder drei historische Vorbilder für die Geschichten über Jesus gibt, könnte man interpretieren: Ja, es gab wahrscheinlich mehrere Jesusse. Oder eben auch gar keine. Sollte Gott seine Söhne zur Übersicht alphabetisch benannt haben, gibt es sogar mindestens zehn Jesusse: Asus, Besus, Cesus, …

glaubt papst benedikt nicht an gott? – Da er sich ausführlich mit Theologie und der Entstehungsgeschichte des Christentums beschäftigt hat, wahrscheinlich nicht, nein.

warum kennen sich die meisten nicht mit ihrer religion aus? – Siehe oben; wer sich mit den Grundlagen und der Entstehungsgeschichte einer Religion beschäftigt, glaubt ziemlich schnell nicht mehr an an die alten Geschichten.

wie behauptet man sich gegenüber einem atheisten? – Man gibt ihm ein Bier aus. Dann ist er glücklich.

er hat maria bis nach bethehem getragen und ist nicht so dumm wie man meint – Dem kann man nur zustimmen. Vielleicht.

glaubt justin bieber ganz fest an gott? – Ja, Justin Bieber ist ein guter Christ. Sie können daher Ihrem Kind ganz beruhigt den Genuss seiner Musik erlauben.

„Warum hat man das was man nicht will?

sind esoteriker mit satan im bunde ohne es zu wissen? – Die entscheidende Frage ist doch eher, ob Satan davon weiß.

das christentum ist allen anderen religionen überlegen – Aufgeklärte Toleranz war schon immer ein Markenzeichen aller Religionen. Hierzu passt auch dieses schöne Statement: alla ist und bleuibt allmachtig!

wie lebt man mit einem mann der nicht glaubt? – Man gibt ihm ab und zu ein Bier aus. Möglicherweise von derselben Person stammt auch die skeptische Frage mal schauen = nein beim mann?

was kann man nicht wenn man an maria glaubt? – Wenn man an Maria glaubt, kann man nicht gleichzeitig nicht an Maria glauben. Obwohl – geübte Christen schaffen wahrscheinlich auch das.

welche religionen haben beweise dafür dass ihre religion richtig ist und nicht nur durch glauben allein besteht? – Fragen Sie mal die Priester. Sie werden feststellen: Alle haben Beweise! Das ist ja eben der Witz an Religionen.

esoterik warum hat man das was man nicht will? – Sollten Sie eine belastbare Antwort auf diese Frage finden, melden Sie sich bitte bei uns. Wir wären sehr dankbar.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern schöne Feiertage und einen guten Start ins Jahr 2014. Diesen Post beenden wir mit der folgenden, absolut nachvollziehbaren Aussage: blöde religionen atheisten islamisten juden christen!

Der Körper-Seele-Dualismus: Keine Seele, keine Kekse

Die Sinnhaftigkeit des Christentums (und anderer Religionen wie des Islams oder des Buddhismus) steht und fällt mit dem Körper-Seele-Dualismus, also der Annahme, dass ein wesentlicher, geistiger Teil des Menschen den Tod des Körpers überlebt. Ohne diese Seele gibt es kein Leben nach dem Tod, also kein jüngstes Gericht, also keine Angst vor der ewigen Feuerfolter in der Hölle, also keine Notwendigkeit einer Erlösung von dieser Folter, also keine Notwendigkeit für einen Erlöser, also keinen Christus, also kein Christentum, also keine Kirche, und damit auch keine Pfründe für die Kirchenoberen. Oder, aus Sicht der Priester: Keine Seele, keine Kekse.

Für die Existenzberechtigung der Priesterschaft ist die Aufrechterhaltung der Idee eines Körper-Seele-Dualismus also von extrem hoher Bedeutung. Seelen sind praktischerweise unsichtbar, unmessbar, und daher ist die Annahme ihrer Existenz auch so gut wie unwiderlegbar. Dies bedeutet aber gleichzeitig, dass es über die bloße Behauptung hinaus auch keinerlei Hinweise auf ihre Existenz geben kann. Im Gegenteil: Sämtliche Beobachtungen und Versuche (mit Sterbenden, Schlaganfallpatienten, Unfallopfern, etc.) deuten ganz klar darauf hin, dass das Bewusstsein und die Persönlichkeit eines Menschen emergente Eigenschaften seines Gehirns sind, also eine Art übergeordnetes Muster, das sich durch das elektrische und biochemische Zusammenwirken der Gehirnzellen bildet. Funktioniert das Gehirn nicht mehr, weil es z.B. aus Sauerstoffmangel stirbt, existiert auch der Geist nicht mehr. Dies stimmt auch für einzelne Hirnregionen: Erkrankt bei einem Patienten der präfrontale Cortex, kann sich die Persönlichkeit stark ändern, obwohl die betroffenen Eigenschaften klassischerweise der ewigen Seele zugeordnet werden. Oder, kurz: Für eine unsterbliche Seele ist kein Platz.

Natürlich kann man trotzdem weiter die Existenz einer Seele behaupten – insbesondere, wenn für die Behauptenden so viel auf dem Spiel steht. Hinweise auf ihre reale Existenz gibt es aber nicht. Und daher auch keine Gründe an sie zu glauben.

Jesus und der Jüngling im Leinentuch

Während die Evangelisten Matthäus, Lukas und Johannes erzählerisch möglichst runde Geschichten zusammenbasteln wollten, hat sich Markus offenbar redlich darum gemüht, die ihm vorliegenden Quellen mit möglichst geringen Überarbeitungen zu einem konsistenten Handlungsbogen zu formen. Das ist ganz offensichtlich nicht immer gelungen, im Text finden sich Brüche, Inkonsistenzen und auf fehlende Abschnitte hindeutende Handlungssprünge. Dazu gehört auch der „Jüngling im Leinentuch“, der während der Verhaftungsszene in Kapitel 10 plötzlich auftaucht:

Und die Jünger verließen ihn [Jesus] alle und flohen. Und es war ein Jüngling, der folgte ihm nach, der war mit Leinwand bekleidet auf der bloßen Haut; und die [anderen?] Jünglinge griffen ihn. Er aber ließ die Leinwand fahren und floh nackt von ihnen.

In den heute verwendeten Versionen des Markus-Evangeliums wird dieser (halb-)nackte Jüngling niemals eingeführt, die Spekulationen der Theologen und Bibelkundler schießen naheliegenderweise ins Kraut: War der hauptsächlich griechisch/römischen Zielgruppe durch die vorhandenen Andeutungen auch ohne explizite Einführung klar, welche Rolle der Jüngling spielte? Handelt es sich um einen nachträglichen Einschub? Oder fehlen die einführenden Abschnitte im heute verwendeten Text?

Könnte Brüche erklären: Eine längere Version des Markus-Evangeliums

Diese Fragen lassen sich heute nicht mehr mit letzter Sicherheit beantworten. Eine Hypothese ist, dass eine längere, heute verschollene Version des Markus-Evangeliums existiert hat. Erhalten sind aus diesem vermuteten Text nur einige Stellen, die der Kirchenvater Clemens von Alexandria (ca. 150-215) in einem Brief zitiert. Clemens warnt davor, dass verfälschte Versionen dieses längeren Textes in Umlauf seien und zitiert zum Vergleich den ihm vorliegenden, unverfälschten Originaltext. Der Text soll, so Clemens, in der heute verwendeten Version zwischen Markus 10.34 und 35 heraus gestrichen worden sein. Da er ein sehr interessantes Licht auf heute selten diskutierte Charakterzüge der Figur Jesus von Nazareth wirft, hier das komplette Zitat:

Und sie kamen nach Bethanien, und jene eine Frau, deren Bruder gestorben war, war dort. Und sie kam, warf sich vor Jesus nieder und sagte zu ihm: „Sohn Davids, habe Erbarmen mit mir.“ Aber die Jünger wiesen sie zurück. Und Jesus, der in Wut geriet, ging mit ihr in den Garten, wo das Grab war, und sogleich wurde ein  lauter Schrei aus dem Grab gehört. Und indem er näher trat, rollte Jesus den Stein vom Eingang des Grabes. Und sogleich ging er hinein, wo der Jüngling war, streckte seine Hand aus und zog ihn hoch, indem er seine Hand ergriff. Aber der Jüngling, als er ihn ansah, liebte ihn und fing an, ihn anzuflehen, dass er bei ihm sein möge. Und sie gingen aus dem Grab heraus und kamen in das Haus des Jünglings, denn er war reich. Und nach sechs Tagen sagte ihm Jesus, was er tun solle, und am Abend kam der Jüngling zu ihm, ein leinenes Tuch über [seinem] nackten [Körper] tragend. Und er blieb diese Nacht bei ihm, denn Jesus lehrte ihn das Geheimnis des Reiches Gottes.

Clemens schreibt empört, diese „makellosen und heiligen Worte“ seien bösartig interpretiert worden, „äußerst schamlose Lügen“ seien über Jesus und den Jüngling erzählt worden. Um was für „Lügen“ es sich dabei gehandelt haben mag, kann sich wohl jeder selbst denken.

Auch hier: Nichts Genaues weiß man nicht

Wie immer bei der Beschäftigung mit überlieferten Texten, deren Ursprung ungewiss und deren Originale nach der Publikation „verschwunden“ sind, weiß niemand genau, inwieweit die aktuellen Fassungen das widerspiegeln, was die Verfasser einst gemeint haben. Gerade die christlichen Texte wurden in den ersten Jahrhunderten, als sie nicht von professionellen Schreibern sondern von enthusiastischen Laien kopiert wurden, aus glaubens- und machtpolitischen Gründen häufig „verbessert“ (siehe hierzu Bart Ehrman: Misquoting Jesus).

Plausibel erscheint aber eins: Hätte sich die längere Version des Markus-Evangeliums im Alltagsgebrauch durchgesetzt, wären einer Reihe von Minderheiten wohl fast 2.000 Jahre Verfolgung erspart geblieben.

Quellen/Empfehlungen:

  • Die bekannten Fragmente des „Geheimen Evangelium nach Markus“ (PDF)
  • Bart Ehrman: Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bible and Why.
  • Bart Ehrman: Lost Christianities: The Battles for Scripture and the Faiths We Never Knew.

Existiert das Übernatürliche?

Auch von Menschen, die die Fadenscheinigkeit der theistischen Argumente durchschauen, hört man oft die Aussage, dass es ja durchaus etwas Übernatürliches, etwas Höheres geben könnte. Fragt man nach einer Definition, wissen die Leute oft nicht so recht weiter. Etwas Übernatürliches, das ist etwas Spritituelles, Unerklärbares, Jenseitiges – eben etwas Höheres. Als Beispiele für übernatürliche Phänomene werden dann häufig Geister, feinstoffliche Schwingungen, Homöopathie, Nahtoderlebnisse, Götter, Orgonstrahlen oder Ecos tellurische Ströme angegeben.

Oft behaupten die Proponenten des Übernatürlichen, dass „die Wissenschaft“ genau weiß, dass paranormale Phänomene existieren, dies aber aus Angst oder Neid verheimlicht. Dazu sollte man wissen, dass eine Reihe von „Kopfgeldern“ für das Nachweisen übernatürlicher Phänomene existiert: U.a. bietet die US-amerikanische James Randi-Stiftung eine Million Dollar für den Nachweis von spirituellen oder paranormalen Phänomenen, die belgische Skeptiker-Organisation SKEPP legt eine Million Euro drauf, die deutsche GWUP nochmal 10.000 Euro. Diese Preise wurden nie abgeholt – weder von triumphierenden Esoterikern noch von cleveren Wissenschaftlern auf dem Weg zum Nobelpreis.

Wir versuchen im Folgenden den vermuteten, übernatürlichen Ereignissen etwas näher zu kommen. Als Warnung: Damit wir nicht in endlosen Einzelnachweisen stecken bleiben, geschieht dies auf einer eher abstrakten Ebene – Dieser Artikel ist also etwas theoretischer als bei MGEN üblich. Wir stellen ein paar Fragen an das Übernatürliche, überlegen und mögliche Antworten und schauen jeweils, was vom spirituellen, höheren Ereignis dann noch übrig bleibt.

Aus dem Übernatürlichen wird das Natürliche

Wir betrachten dazu zuerst, ob sich das jeweilige Ereignis auf das physisch vorhandene Universum irgendwie auswirkt oder in einer wechselseitigen Beziehung zu ihm steht. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder das übernatürliche Ereignis manifestiert sich im Universum oder es manifestiert sich nicht.

Falls sich ein Phänomen nicht manifestiert, also keinerlei Auswirkungen auf das Universum hat, kann es auch nicht gemessen oder beobachtet werden. Ob solche Phänomene existieren oder nicht ist eigentlich unwichtig: Sie beeinflussen uns nicht, wir bemerken sie nicht – sie sind nicht Teil der Universums. Zu ihren Auswirkungen und ihrem Verhalten sind keinerlei Aussagen möglich, ob sie existieren oder nicht ist unmöglich zu sagen. Das macht aber nichts, denn es gibt ja -definitionsgemäß- keinerlei Anzeichen für ihre Existenz – also insbesondere auch keinerlei Motivation, an rein jenseitige Phänomene zu glauben.

Anders ist es, falls sich ein Phänomen manifestiert, denn dann ist es beobachtbar. Geister erschrecken uns, klappern mit Pfannen oder Ketten, Homöopathie macht uns gesund, Götter schicken Blitz und Donner, Orgonstrahlen machen … was Orgonstrahlen eben so machen. Sollten solche „übernatürliche“ Phänomene existieren, wären sie zumindest teilweise in das physische Universum integriert, und daher mit wissenschaftlichen Methoden analysierbar – Sie sind damit ein uns bislang unbekannter Teil der Natur, also natürlich.

Aus dem Unerklärbaren wird das Unerklärte

Nun gibt es wieder zwei Möglichkeiten: Entweder ist das sich manifestierende, beobachtbare Phänomen in seinem Auftreten durch Regeln und Gesetze gebunden, oder es tritt vollständig zufällig auf. Im letzteren Fall handelt es sich um inkonsistentes Rauschen, das sich vielleicht mit „irgendwas mit Quanten“ begründen ließe. Solche Effekte wären dann zwar beobachtbar, aber wegen ihrer Zufälligkeit und Regellosigkeit nicht erklärbar, also wirklich unerklärlich.

Übernatürlichen Phänomene werden aber typischerweise nicht als rein zufällig geschildert. Magie, Geister, etc, folgen gemäß ihrer Fürsprecher bestimmten Mechanismen oder Gesetzen, die wir lediglich nicht kennen. Diese Regeln lassen sich dann mit wissenschaftlichen Methoden erforschen, funktionale Theorien und Modelle bilden. Aus unerklärlichen Phänomenen werden unerklärte, die dann durch Beobachtungen und Analysen zu erklärten Teilen des Universums werden. Unser Verständnis der Natur hat sich um das eben noch als „übernatürlich“ vermutete Phänomen erweitert.

Das zentrale Problem bei der Frage „Existiert das Übernatürliche?“ ist also, dass übernatürliche Phänomene, sobald sie wirklich entdeckt und beobachtet werden, aus dem übernatürlichen Bereich herausfallen und (möglicherweise unerklärter) Teil des natürlichen Universums werden. Seit der Renaissance ist die Zahl der als übernatürlich angenommenen Phänomene immer weiter gesunken und wird dies wohl auch weiter tun, wenn wir Menschen immer mehr über die Zusammenhänge im beobachtbaren Universum lernen. Die Frage „Ist etwas natürlich oder übernatürlich?“ ist somit eine inhaltsleere, bedeutungslose Frage.

Jede hinreichend fortgeschrittene Technologie ist ununterscheidbar von Magie

Natürlich kann das Schlagwort „übernatürlich“ auch genutzt werden, um Menschen Thesen weiszumachen, die ganz offensichtlich gegen die bekannten Naturgesetze verstoßen. Da sind wir dann sehr schnell bei den bereits erwähnten Orgonstrahlern, bei Homöopathie oder Geistheilungen – alles zu erwerben gegen eine geringe Gebühr. Da der Esoterikmarkt allein in Deutschland pro Jahr etwa 25 Milliarden Euro umfasst, ist das Label „übernatürlich“ offenbar sehr erfolgreich. Nur wirklich überzeugte Personen werden Summen von über 1.000 Euro für „Entstörgeräte“ ausgeben, die „geopathische Strahlen“ reduzieren sollen.

Es gibt Vampire? Götter? Geister? Aber … wie sollen solche Wesen denn existieren können? – Kein Problem, der Geist ist übernatürlich, über weitere Zusammenhänge und Erklärungen müssen wir uns keine Sorgen machen. Der Begriff „übernatürlich“ wird als Ausrede benutzt; eine ehrliche Person muss hier zugeben, dass ihre Ideen wohl keinen Bestand haben.

Jede hinreichend analysierte Magie ist ununterscheidbar von Technologie

Fazit: „Übernatürliche“ Phänomene sollen jenseitig und unerklärbar sein, gleichzeitig aber im Universum verankert und mit wissenschaftlichen Mitteln mess- und beobachtbar. Damit sind sie zugleich natürlich und übernatürlich. Solche Phänomene kann es nicht geben, das Übernatürliche wird damit zurück geworfen auf (Selbst-)Täuschung und wissenschaftlich noch nicht komplett verstandene, natürliche Effekte. Dass es solche Effekte selbstverständlich gibt, wird jeder seriöse Wissenschaftler zugeben. Mehr als das, sie sind seit jeher ein wichtiger Antrieb für den menschlichen Wissensdrang.

Oder, um einen dummen Witz daraus zu machen: Wie nennt man ein übernatürliches Ereignis, das dokumentiert, verifiziert und wiederholbar ist? – Ein natürliches Ereignis.

25 Milliarden Euro – Das ist ganz schön viel Geld, mit dem man auch ganz schön viele Abmahnanwälte bezahlen kann. Daher gibt’s zu diesem Artikel keine Links.

War Einstein religiös?

„Glaubte Einstein an Gott?“ – „War Einstein religiös?“ – Immer wieder geben Menschen diese Fragen in Suchmaschinen ein und landen dann u.a. bei MGEN. Warum interessieren sich so viele Leute für den großen Physiker und was er wohl zur Religion zu sagen hatte? Und vor allem: Wie stand er denn nun zur Religion? – Zeit, ein paar Zitate zu sammeln.

Zum Hintergrund: Albert Einstein wurde 1879 in Ulm geboren. Er ging in eine katholische Schule, seine Eltern waren säkulare Juden. Einstein wandte sich schon früh von der organisierten Religion ab und verließ die jüdische Gemeinde mit 17.

Einstein: „Die Bibel ist eine Sammlung primitiver Legenden“

Im April 1921 beantwortete Einstein auf die besorgte Frage eines New Yorker Rabbis, ob er denn auch an Gott glaube, auf die folgende Weise:

„Ich glaube an Spinozas Gott, der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart, nicht an einen Gott, der sich mit dem Schicksal und den Handlungen der Menschen abgibt.“

Gott als „gesetzliche Harmonie des Seienden“ – Das entspricht genau dem Gottesbild der Pantheisten, die die Gesamtheit der Regeln und Gesetze des Universums als „Gott“ bezeichnen. Baruch de Spinoza (1632-1677) war einer der Wegbereiter dieser philosophischen Strömung – von seinen Zeitgenossen wurde er wüst als Apostat und Atheist beschimpft. Und völlig unrecht hatten seine Kritiker nicht: Da der Begriff „Gott“ für Pantheisen keine weitergehende Bedeutung hat als der Begriff „Universum“, kann man ihn genau so gut weglassen – Pantheisten sind de facto Atheisten, manchmal mit einem vage spirituellen Überbau. Ganz in diesem Sinne bestätigt Einstein ja auch, dass es seiner Ansicht nach keinen persönlichen Gott gibt, wie ihn die Theisten (also z.B. Juden, Christen und Moslems) vertreten.

Ein weiteres Einstein-Zitat passt gut zu einem Mann, der die Strukturen und Regeln des Universum mit fast kindlichem Staunen bewundert: Das berühmte „Gott würfelt nicht!“, das Einstein 1926 in einem Brief an einen Kollegen formuliert.

„Die Quantenmechanik ist sehr achtunggebietend. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß das noch nicht der wahre Jakob ist. Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der nicht würfelt.“

Einstein kann offenbar nicht so recht daran glauben, dass die von ihm bewunderten, klaren und eleganten Naturgesetze auf zufälligen Phänomenen beruhen sollen. Ob er damit recht behalten wird, darüber sind sich die Physiker bis heute nicht im Klaren.

Einstein: „Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott

Gegen Ende seines Lebens wird Einstein deutlicher. Damals hatten offenbar Religionisten bereits damit begonnen, ihn wegen seines missverstandenen (?) Zitats zu vereinnahmen, nach dem Motto „Der größte lebende Physiker bestätigt, dass Jahwe existiert“. 1954 stellt er dann klar:

„Es war natürlich eine Lüge, was Sie über meine religiösen Überzeugungen gelesen haben, eine Lüge, die systematisch wiederholt wird. Ich glaube nicht an einen persönlichen Gott und ich habe dies niemals geleugnet, sondern habe es deutlich ausgesprochen. Falls es in mir etwas gibt, das man religiös nennen könnte, so ist es eine unbegrenzete Bewunderung der Struktur der Welt, so weit sie unsere Wissenschaft enthüllen kann.“

Einstein lehnt das theistische Gottesbild der Juden, Christen und Moslems also auch hier eindeutig ab. Weiter schreibt er:

„Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger, aber doch reichlich primitiver Legenden. […] Keine noch so feinsinnige Auslegung kann etwas daran ändern. Diese verfeinerten Auslegungen sind […] höchst mannigfaltig und haben so gut wie nichts mit dem Urtext zu schaffen.“

Fazit: Nein, Einstein glaubte eindeutig nicht an den Gott der Bibel, den Juden, Christen und Moslems verehren. Von der organisierten Religion hatte er sich schon als Jugendlicher losgesagt und kritisierte bis zum Ende seines Lebens deren „feinsinnige Auslegung“ der Bibel. Stattdessen bestaunte er ehrfürchtig die Komplexität und die Schönheit der Welt. Eigentlich ein sehr sympathischer Zug.

Einige Quellen:

  • Tagesspiegel: „Relativ ungläubig“ (tagesspiegel.de)
  • SZ: „Die Bibel ist eine Sammlung primitiver Legenden“ (sueddeutsche.de)
  • Humanistischer Pressedienst: „‚Primitiver Aberglaube‘: Einstein über Religion“ (hpd.de)

Leben als (nicht-)religiöse Minderheit

Als Angehöriger einer weltanschaulichen Minderheit in einer religiös geprägten Gesellschaft hat man im Alltag immer wieder Kröten zu schlucken. Spricht man Mehrheitsgläubige darauf an, reagieren sie verwirrt bis entsetzt: Ihre Riten und Gebräuche sind ja schließlich „ganz normal“ – Wieso sollten andere Menschen das anders sehen? Verbirgt sich in der Nachfrage möglicherweise ein tückischer Angriff auf die Grundwerte der Gesellschaft?

Unser Nachbarblog „Atheismus für Einsteiger“ hat ein schönes Gedankenexperiment gestartet, das insb. Christen zeigen soll, wie sich die aus ihrer Sicht Falschgläubigen in der vom Christentum dominierten Gesellschaft fühlen. Wir präsentieren: Den Tharxismus.

„Stell dir vor, du lebst in einer Gesellschaft, deren Mitglieder fest and die Göttin Tharxes glauben.

Es existiert eine Legende, wie diese Göttin geboren wurde. Nachdem Tharxes geboren wurde, hat sie die Welt und die Menschen in drei Tagen erschaffen und sich am vierten Tag ausgeruht. Am fünften Tag haben manche böse Menschen sie dann gefoltert und an ein großes Sechseck gekettet, um sie sieben Jahre hungern zu lassen.

Tanzverbot und Medienzensur am Tag der Göttin

Aus dieser Legende haben sich verschiedene Bräuche entwickelt. Am 20. Dezember, also um die Wintersonnenwende, wird ein gigantisches Fest veranstaltet, das an die Geburt der Göttin erinnern soll. Dass die Bräuche dieses Festes fast alle von den römischen Saturnalien stammen, haben die Gläubigen mittlerweile vergessen. Dennoch wirst du als einer der wenigen Christen schief angesehen, wenn du ebenfalls an diesem Fest teilnehmen möchtest. Schließlich glaubst du ja nicht an den angeblichen Anlass, die Geburt der Tharxes.

Am 25. Dezember ist es dann gesetzlich verboten, zu tanzen, da dies der Tag ist, an dem die Göttin angeblich festgekettet wurde. In öffentlichen Veranstaltungen, Kinos und TV dürfen nur Filme gezeigt werden, die von der Regierung für diesen Tag genehmigt wurden. Jede_r in der Gesellschaft hält es für legitim, dass die Regierung sich in solchen Formen an der Religionsausübung beteiligt. An diesem Tag sind auch alle anderen Formen von Freude verpönt, es soll getrauert werden. Deine Eltern haben dir an diesem Tag früher immer verboten, Gemüse zu essen, und verlangen dies auch jetzt noch von dir, obwohl du dich längst zu einer anderen Religion bekannt hast. Auch deshalb wirst du immer wieder schief angesehen. Als Christ feierst du an diesem Tag jedoch ein Fest der Freude.

Küssen verboten! – Das ist ja auch wirklich eklig …

In den alten Liedbüchern, die angeblich von Tharxes persönlich stammen, wird immer wieder besungen, wie furchtbar Küssen doch ist, und dass man, wenn man voreheliche Küsse begeht, nach dem Tod ewige Folter erleiden wird. In manchen Liedern wird sogar der Tod am Galgen für voreheliche Küsse gefordert. Da du jedoch kein wirkliches Problem im Küssen siehst, und auf Partys immer mal wieder andere Menschen küsst, wirst du von deinen Nachbarn als Schlampe, unmoralisch u.ä. bezeichnet. Filme, in denen Küsse angedeutet werden, werden als etwas total Besonderes und Grenzwertiges betrachtet. Ist ein einziger Kuss zu sehen, werden diese Filme Jugendlichen verboten.

Küsse zwischen verheirateten Menschen werden geduldet, solange keine Zunge im Spiel ist. Menschen, die sich Zungenküsse geben, werden von der Gesellschaft ausgelacht, beschimpft, verprügelt und bedroht. Obwohl es eigentlich niemanden stören sollte, mit wem man wie wann küsst. Konservative Tharxesianer behaupten zwar, dass ihre Göttin die gesamte Gesellschaft dafür bestrafen würde, aber das hältst du als Christ, der nicht mal an die Existenz von Tharxes glaubt, für absurd und bevormundend. Da solche Menschen generell für unmoralisch gehalten werden, verbietet man ihnen auch die Adoption von Kindern.“

Wie die Geschichte wohl weitergeht? Nachlesen bei „Atheismus für Einsteiger„!

Sollte man den Leute nicht ihren „harmlosen Glauben“ lassen?

Als Betreiber eines religionskritischen Blogs hört man ab und an die Fragen „Sollte man religiösen Leuten nicht ihren harmlosen Glauben lassen? Sollte man ihnen nicht lediglich klar machen, dass sie keine allgemeingültigen Normen oder Gesetze auf Basis ihrer Religion durchsetzen sollten? Aus Respekt vor anders- oder nichtreligiösen Mitmenschen, und weil man ja schließlich nicht weiß, welche Ansichten richtig und falsch sind? Wenn diese Regeln nur für die Anhänger einer Religion selbst gelten, ist doch alles gut.“

Pluralismus und Humanismus: Die Grundwerte jeder modernen Gesellschaft

Der wohlmeinende Fragesteller vertritt hier implizit die Grundlagen einer pluralistischen Gesellschaft („Jeder kann seine Meinung vertreten, da niemand weiß, wer letztgültig Recht hat“) und des säkularen Humanismus („Wir müssen unsere Taten letztendlich vor anderen Menschen rechtfertigen, nicht vor einer transzendenten Wesenheit oder einem abstrakten Prinzip wie Ehre oder Vaterland“).

Die meisten MGEN-Lesen werden das komplett unterschreiben und sind vielleicht ebenso überzeugt, dass auf dieser Basis ein Handlungsrahmen für das alltägliche Leben aufgebaut werden kann und sollte. Wenn man diesen Rahmen geeignet einsetzt, führen die genannten Konzepte zu Regeln des Zusammenlebens, die individuelles Leid minimieren, gesellschaftlichen Wohlstand maximieren und die Entfaltung der Persönlichkeiten der Mitglieder ermöglichen.

Gläubigkeit ist die Antithese des Humanismus

Soweit, so gut. Anders sieht die Sache jedoch aus, wenn ein Mensch fest davon ausgeht, dass er in Besitz einer Reihe von absoluten Wahrheiten sei. Nämlich:

a. Ein allmächtiger Schöpfergott existiert, der
b. seinen Willen den Menschen offenbart hat, sie entsprechend belohnt oder bestraft, und
c. allein eine Kaste von Priestern kann diesen Willen zutreffend interpretieren.

Der Blick auf die geschilderten Ideale ändert sich nun komplett: Die Schicksale aller Menschen – ob rechtgläubig oder nicht – sind dem Willen dieses Gottes unterworfen. Pluralismus ist nicht nur nicht mehr notwendig (man weiß ja, wer Recht hat und wer nicht), sondern sogar schädlich: Wenn einzelne Menschen seinem bekundeten Willen zuwiderhandeln, wird der Gott sauer und bestraft alle Menschen.

Wenn man die Glaubenssätze a, b und c also akzeptiert, muss man in letzter Konsequenz die Idee der pluralistischen Gesellschaft radikal ablehnen und sich stattdessen für eine theokratische Gesellschaft einsetzen. Es geht ja immerhin um Entscheidendes: Bei nachlassendem Glaubenseifer ist das ewige Leben im Paradies in Gefahr!

Absolute Wahrheiten sind die Feinde des Pluralismus

Ebenso ist es mit dem weltlichen Humanismus: Die „Wahrheiten“ a, b und c vorausgesetzt, gilt die Verantwortung für unser Handeln eben nicht mehr den anderen Ameisen, sondern dem allmächtigen, allsehenden Gott, der uns als Handlungsanweisung eine absolute, in heiligen Schriften offenbarte Moral vorgegeben hat. Falls sich einzelne Leute aus Unglauben nicht daran halten, besteht wieder die Gefahr, dass sie göttlichen Zorn hervor rufen, der auch auf alle anderen Menschen Auswirkungen hat. Um Leid zum minimieren und den Wohlstand zu maximieren, muss man logischerweise nun eine Gesellschaft errichten, die komplett auf den ausgelegten Willen des Gottes abstellt – also wieder eine Theokratie.

Es kommt immer aufs Gleiche heraus: Eine Religion, die in einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft eine handlungsfähige Mehrheit erreicht, wird diese gegen die Grundlagen dieser Gesellschaft einsetzen.

Wie setzt man sich nun am besten für die beschriebenen Ideale des Pluralismus und des Humanismus, und damit gegen die Verfechter einer Theokratie ein? – Unser Ansatz ist, dass wir einzelnen Menschen zeigen wollen, dass die Thesen a, b und c unwahr sind und so mithelfen, das Entstehen religiöser Mehrheiten zu verhindern.

Darin begründen sich die Ziele von MGEN

Dass sich tiefgläubige Hassmenschen mit Argumenten nicht überzeugen lassen, ist klar. Zielgruppe unseres Blogs sind daher Menschen, die ab und an in einer Küchenrunde mit Kirchenmitgliedern diskutieren und dafür etwas argumentatives Futter brauchen. Die Argumente der Religionisten sind immer dieselben, und sie sind immer extrem dünn. Wenn man sie schonmal gehört hat und die Argumente pro und contra kennt, lässt man sich nicht mehr von Scheinargumenten blenden. Und im besten Fall denken dann milde interessierte Zuhörer „Hm, klingt plausibel. Wahrscheinlich hat der nette Pfarrer uns Kindern damals einfach Unsinn erzählt.“

Nochmal kurz: Es geht in unserem Blog darum, den Gegnern des Pluralismus die leichtgläubigen Unterstützer zu nehmen, und so die Möglichkeit, ihre Dogmen als Normen und Gesetze durchzusetzen. Damit Frauen in Not Hilfe in der Apotheke und im Krankenhaus bekommen, damit Homosexuelle eben nicht mehr (als Sünder) im Ehe- und Steuerrecht bestraft werden müssen und damit an kleinen Kindern keine Genitalverstümmelung mehr durchgeführt wird. Ist dieser Wunsch in so absurdem Grade vermessen?

Kann man kategorisch beweisen, dass es keinen Gott gibt?

Ab und an hört man die zweifelnde Frage „Kannst du denn kategorisch ausschließen, dass es einen Gott gibt? Ist das nicht doch möglich?“ Die Antwort dazu ist: Ich weiß nicht, ob man die Existenz eines Gottes generell ausschließen kann. Und zwar aus einem einfachen Grund: Es gibt keine konsistente Definition des Begriffes „Gott“, die irgendwie zu unserem Universum passt.

„Unser Gott ist unendliche Liebe!“ – Ach so?

Man kann in der Tat nicht beweisen, dass es keinerlei Gott gibt. Das liegt allerdings nicht an irgend welchen philosophischen Gründen, sondern schlicht daran, dass die Vertreter des Gottesglaubens die Definition ständig ändern. Das ist auch gar kein Wunder (no pun intended!), denn es gibt ja offensichtlich keine reale Entität, die von der Definition zutreffend beschrieben werden muss.

Will man z.B. einen Stuhl beschreiben, muss die Definition einigermaßen zu den möglichen Varianten des „Sitzmöbels für eine Person“ passen. Entfernt man sich zu weit davon, kommt irgendwann jemand, zeigt auf einen konkreten Stuhl und sagt „Was du beschreibst, ist kein Stuhl!“ – Redet man dagegen über eine reine Idee ohne jeden Anker in der realen Welt, lassen sich ihr natürlich beliebige Eigenschaften zuschreiben, die auch ständig wechseln können: „Mein Gott ist das Alpha und das Omega!“, „Mein Gott ist eine höhere Macht, er ist unendlich, unergründlich und unsichtbar!“,  „Mein Gott ist unendliche Liebe!“ – Was soll man denn mit solchen Definition anfangen?

Wenn man einer Entität aber keinerlei feste Eigenschaften zuschreibt, die sie irgendwie mit dem Universum in Beziehung setzen, dann lassen sich natürlich auch keine weiter gehende Aussagen zu ihr treffen – insbesondere auch nicht über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit ihrer Existenz.

„Unser Gott ist das Alpha und das Omega!“ – Hatte ich mir gleich gedacht!

Um ein konkretes Glaubenssystem zu errichten, müssen die Priester ihren Gott allerdings mit ein paar Eigenschaften ausstatten: Warum man ihn überhaupt verehren sollte, was er den ganzen Tag so macht und wie sein Wille ist. Hieraus entsteht eine rudimentäre Definition, deren innere Logik und Plausibilität man gegen die Realität testen kann. Und jedes Mal, wenn man das tut, stellt sich heraus: Die Definition widerspricht sich selbst oder der Realität – die beschriebene Entität kann nicht existieren.

„Unser Gott ist allmächtig und allgütig!“ – Nein, das sicher nicht!

Jahwe, der Gott der Juden, Christen und Moslems z.B. existiert ganz sicher nicht: Er wird als allmächtiger Weltenschöpfer beschrieben, der jeden einzelnen Menschen liebt und unendlich gütig ist. Wenn man sich nun aber in der Welt umschaut, ist von einer allgütigen Macht absolut nichts zu sehen. Auch der argumentative Notausgang „Gott respektiert den freien Willen!!“ funktioniert bei näherer Betrachtung nicht: Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr fast 2.000 Kinder an Krebs. In den betroffenen Familien entsteht unendliches, reales Leid, das sich weder wegdefinieren noch irgendwie auf den freien Willen der Beteiligten zurück führen lässt. Nein, wenn man unbedingt an einem allmächtigen Gott festhalten will, dann interessiert er sich keinen Deut für die Menschen.

Die Priester flüchten sich an diesem Punkt meist in die Platitüde „Die Wege des Herrn sind unergründlich!“ – Auch das ergibt keinen Sinn: Entweder die „Wege des Herrn“ – also seine Motive und die Grundsätze seines Handelns – sind prinzipiell ergründlich oder unergründlich. Sind sie ergründlich, dann können wir sie betrachten und stellen schnell fest, dass die Behauptungen der Religionen unwahr sind: Gott ist offensichtlich nicht allgütig. Sind sie aber unergründlich, dann kennt niemand Gottes Motive und seinen Willen – insbesondere auch nicht die Priester. Da der offenbarte Wille die Grundlage jeder Religion ist, sind auch in diesem Fall die Religionisten im Unrecht.

Wie man es dreht und wendet, die Aussagen der Religionen sind falsch: Der Gott der Bibel passt nicht in unsere Welt.

Lässt sich zumindest die Allmacht „retten“?

Selbst wenn man die Eigenschaft „allgütig“ weg lässt: Auch sonst ist von den Aktivitäten eines (all)mächtigen Wesens verdächtig wenig zu sehen. Weder wachen wir morgens auf und finden über München einen sechs Kilometer hohen gotischen Bogen vor, noch stapfen die in der Bibel erwähnten Riesen durch die Straßen. Marienerscheinungen bleiben seit Jahrhunderten gelangweilten Teenager-Mädchen in abgelegenen Bergdörfern vorbehalten; Frankreich, Großbritannien und Neuseeland führen die Gleichberechtigung für Homosexuelle ein – Aber dort gibt es deutlich weniger Überflutungen als Ausdruck des Zorn Gottes als im christlich verkniffenen Deutschland. Ausnahme in Frankreich: Ausgerechnet Lourdes steht im Sommer 2013 tagelang komplett unter Wasser.

Fazit: Ich weiß nicht, ob es sich kategorisch ausschließen lässt, dass irgend eine Art von Gott existieren könnte – Und zwar deshalb, weil bislang nie jemand konsistent definieren konnte, was das eigentlich sein soll. Sobald eine Gottesvorstellung aber konkret wird, hat sie sich bis dato jedes Mal als falsch erwiesen.