MGEN 147: Documenta 15: Ist Antisemitismus Ansichtssache?

Die Kustmesse Documenta 15 in Kassel hat ein Antisemitismus-Problem: Fragwürdige Bilder werden ausgestellt, Israel soll boycottiert werden, deshalb werden israelische Künstler gar nicht erst eingeladen. Als die Presse nachfragt, zeigen Aufsichtsrat, Sprecherin, Kuratoren und Künstlergruppen peinlich berührt aufeinander — niemand will Verantwortung übernehmen. Die internationalen Medien schütteln den Kopf: Was ist denn da in Deutschland los?

MGEN-Youtube-Titeltafel-147Martina stellt Ablauf und Inhalt des Skandals vor, insbesondere auch das beständige Schulterzucken der Verantwortlichen. Oliver und Martina diskutieren: Sind die fraglichen Bilder wirklich antisemitisch? Wie hätten die Verantwortlichen handeln sollen? Welche Konsequenzen sollte die Bundesregierung ziehen? Und, des Pudels Kern: Hat die Kunstszene ein Antisemitismusproblem?

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6 Gedanken zu „MGEN 147: Documenta 15: Ist Antisemitismus Ansichtssache?

  1. Hallo Oliver und Martina,
    schöner Podcast über den documenta15-Skandal.
    Offensichtlich war aber bisher niemand von euch in leitender Position tätig, sonst wüsstet ihr, dass Verantwortung NICHT delegierbar ist.
    Ein Vorgesetzter kann alles mögliche delegieren, aber nicht die Verantwortung für die Konsequenzen eines von ihm angestoßenen Prozesses. Das heißt in diesem konkreten Fall:
    das Gremium, das die Kuratoren berufen hat, trägt die Verantwortung für die Aktionen der Kuratoren. Die Kuratoren tragen die Verantwortung für die Auswahl der Künstler und die Gestaltung der Ausstellung. Die Künstler tragen die Verantwortung für ihre Kunstwerke.
    Das heißt im Umkehrschluss: Der Kurator bestimmt, welche Werke der Künstler in der von ihm kuratierten Ausstellung gezeigt werden dürfen – nicht der Künstler.
    Das Berufungsgremium genehmigt die Art und Weise der Ausstellung, z.B. ob bestimmte politische Aussagen durch den Kurator gefördert werden dürfen – nicht der Kurator.
    Dann ist immer sichergestellt, dass die Verantwortlichkeiten transparent werden.
    Und jetzt noch zum Gendern: Irgendwann um Minute 5 herum redet Martina von den Mitgliedern und Mitgliederinnen des Künstlerkollektivs. Au weia!
    Liebe Martina, Mitglieder sind keine Menschen „mit Glied“, (auch dann ergäben die „Mitgliederinnen“ nicht den geringsten Sinn), sondern „Mitglied“ ist ein Neutrum-Begriff (das Mitglied), so dass die Notwendigkeit zum Gendern entfällt, sofern man überhaupt darauf versessen ist.
    Aber ich fürchte, im Übereifer werden wir auch noch Ansprachen an „Liebe Gästinnen und Gäste“ oder die „Menschinnen und Menschen“ über uns ergehen lassen müssen.
    Letzter Punkt:
    Beim Hängen ist unser kollektives Sprachgefühl offenbar komplett ins Rutschen gekommen.
    Abhängen bedeutet heutzutage offensichtlich nicht nur „wegnehmen“ sondern auch noch „zudecken“, wenn ihr sagt, Teile eines Bildes würden mit schwarzem Tuch „abgehängt“, wenn dann aber noch das ganze Bild „abgehängt“ wird, kann man sich aussuchen, was gemeint ist, oder?
    Nichts für ungut!

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  2. Pingback: Antisemitismus | Documenta 15 | Gegen Rechts

  3. Und noch eins: Offensichtlich ist es heutzutage möglich, „sich zu entschuldigen“ (sagt Martina). Wann ist denn das eingeführt worden? Wenn ich mich eines Vergehens schuldig gemacht habe, dann kann ich den/die Betroffenen um Entschuldigung bitten, aber ich kann das nicht selbst entschuldigen.

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  4. Lieber MGEN-Podcast, ich bin mit euch öfter mal nicht auf einer Wellenlänge, weil ihr manchmal eine neutrale Betrachtung für, Unsinn verlasst, der offensichtlich entsteht, weil ihr Sachen durch eine Schablone zwängt, die die Schere in eurem Kopf ausgeschnitten hat. Ich konsumiere euch trotzdem, da das nicht ständig passiert und ihr euch ja bemüht. Aber diese Folge war für mich leider nicht zu ertragen. Ich habe sie natürlich trotzdem bis zum Ende gehört.
    Drehen wir die Situation mal um, mich würde interessieren, ob ihr an eurer für mich völlig bescheuerten Meinung dann immer noch festhaltet. Das Beispiel ist natürlich fiktiv und dient nur zur Demonstration.

    Ihr beide seid nun ein Künstlerkollektiv und zeichnet ein Bild. Das Bild zeigt eine erkennbar internationale und multiethnische Gruppe von Menschen, die eine Hakenkreuzflagge anzündet. Ihr wollt euch damit gegen rechtsradikale Ansichten aussprechen.
    Mit dem Bild geht ihr international auf Ausstellungen, eine Ausstellung ist in Seoul, Korea.
    In Korea ist die ländliche Bevölkerung zu größeren Teilen buddhistisch, was von der urbanen und katholischen, und damit leicht rechten, Bevölkerung als Angriff auf die nationale Identität gesehen wird. In Südkorea, das sich für deutsche Geschichte null interessiert, dient das Hakenkreuz daher nahezu ausschließlich als Symbol für die Chonnom, eine kleine, diskriminierte, buddhistische ländliche Volksgruppe, und die linksliberale koreanische Elite ist EMPÖRT, dass ihr ein Bild ausstellt, welches so hart rassistisch die Chonnom als von der ganzen Welt gehasst darstellt.
    Ihr reagiert damit, dass ihr sagt: „Oh Gott, tut ins leid, wir wussten nicht, dass das hier so gelesen wird. Wir nehmen das Bild natürlich sofort aus der Ausstellung, wir sind gegen Rassismus in jeder Form.“
    Und die koreanische Elite reagiert mit: „Ihr habt nur gesagt, ihr seid gegen Rassismus, nicht, dass ihr gegen die Diskriminierung von Chonnom seid, ihr seid offensichtlich gegen Chonnom. Und überhaupt ist das Bild nicht ‚hier‘ anti-chonnom, Sachen sind entweder anti-chonnom oder nicht!“ und damit seid ihr als offizielle Rassisten bei allen koreanischen Kulturveranstaltungen persona non grata.

    Fühlt ihr euch fair behandelt?

    Das fragliche Künstlerkollektiv mit dem „könnte man als Schläfenlocken interpretieren“-Bild ist nach seiner eigenen Aussage komplett mit euch auf einer Seite, aber ihr reißt euch mit völlig unnötiger Wortklauberei selbst ein Bein aus, um eure eigenen Verbündeten, um andere linksliberale Antirassisten zu attackieren. Wozu? Was habt ihr damit gewonnen, dass ihr andere weltoffene Linke zerfleischt? Außer dass ihr dazu beitragt, dass ihr das politische Potential linker und antirassitischen Bewegungen ein My weiter schwächt? Sie haben postwendend das Bild abgehängt und sich entschuldigt, wieso reicht das nicht, um die Sache gut sein zu lassen? Was wollt ihr denn darüber hinaus von denen noch haben? Sollen die mea culpa schreiend und sich flagellierend durch Frankfurt prozessieren?

    Und die Argumentation ist dabei stellenweise völlig irrational. Oliver stellt selber fest, dass Symbole AUSSCHLIESSLICH im Kontext eine Bedeutung erhalten. Wie zum Geier kommt man von dieser korrekten Erkenntnis zu dem absoluten Gegenteil „mache Sachen sind immer antisemitisch“, also genau unabhängig vom Kontext? Der korrekte Schluss aus dieser Prämisse wäre: Kein Symbol ist jemals per se antisemitisch, sie werden nur mit antisemitischer Absicht verwendet oder durch den Kontext als antisemitisch verstanden.

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    • Danke dir für deinen Kommentar und deine Meinung zu diesem Thema. Ich find’s gut, wenn uns Leute zuhören, die nicht (immer) unserer Meinung sind und nicht aus unserer Blase sind. Ich (Oliver) lege selbst Wert darauf andere Meinungen zu hören, in Podcasts, im Web, in der Zeitung, in persönlichen Diskussionen — hey, sonst würde ich ja nie etwas dazulernen.

      Zu deinem Punkt:

      1. Wenn ich mich recht erinnere (die Aufnahme ist schon einen Monat her), dann habe ich gesagt, dass mE nicht die Künstler:innen die Verantwortung an dem Debakel tragen, sondern die Ausstellungsleitung vor Ort, also in Deutschland. Die Künstler können von mir aus malen, was sie wollen, vielleicht bedeuten die Symbole in ihrem nationalen/lokalen Kontext etwas völlig anderes als hier, sind völlig harmlos, etc. Ich glaube das in diesem Fall nicht, ist aber eigentlich egal. Die Ausstellungsleitung jedoch kennt genau den lokalen Kontext hier. Sie hätten wissen müssen — oder wussten es und haben bewusst in Kauf genommen –, dass die Bilder antisemitisch wirken. Bei ihnen liegt die Verantwortung für das Debakel, die sie versucht haben an allerlei Kollektive abzuschieben. Deshalb finde ich es gut und angemessen, dass die Geschäftsführerin dann doch noch zurückgetreten ist, wenn auch mit gehöriger Verspätung. Die Künstler:innen verdamme ich nicht, die können gern weiter vor sich hin malen — ich möchte nur ihre Bilder nicht in meinen Museen sehen. Lokaler Kontext, wie in deinem Beispiel.

      2. Wir machen keinen Lagerpodcast. Wir sind drei Freund:innen, die sich einmal im Monat treffen und uns interessierende Themen besprechen. Dass dabei ein Band mitläuft, ist fast sekundär. Wir machen das aus unserer individuellen Weltsicht heraus, nicht mit einem bestimmten Lager heraus. Sicher, viele würden uns vermutlich als linksliberale Bildungsbürger verorten, andere sehen uns als viel zu woke, wieder andere als stinkkonservativ. Schau dir die wütenden Kommentare aus allen Richtungen an, hier oder bei Youtube 🙂 Worauf ich hinaus will: Wir kritisieren Entscheidungen, wenn wir sie für kritikwürdig oder sogar falsch halten, egal von wem sie kommen. Der Vorwurf der Nestbeschmutzung trifft uns nicht wirklich, weil wir eben in keinem spezifischen Nest sitzen.

      Nochmals, danke für deinen Kommentar.

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    • Werter „das regt mich auf“,
      ich verstehe Deine Aufregung nicht. Wir alle zwängen „Sachen durch eine Schablone“ und sehen sie in unseren eigenen Kontexten, sonst gäbe es zu [b]einem[/b] Sachverhalt auch nur [b]eine[/b] Meinung.
      Die Verantwortung für die Kunstwerke haben die Künstler, die Verantwortung für das Ausstellen der Kunstwerke auf der Veranstaltung tragen die Kuratoren und die Verantwortung für die Intentionen der Kuratoren trägt das Gremium, das die Kuratoren berufen hat. Die hätten wissen können, ob die aus einem BDS-Nest kommen und auf welchem Auge die also blind sind.
      Oliver hat ja einen Lösungsweg vorgezeichnet. KOMMUNIKATION.
      Man hätte diskutieren müssen – und zwar unaufgeregt. Dass ein Herr Schuster alles, was nicht von Israel veröffentlicht wird, für antisemitisch hällt, ist hinreichend bekannt. Für ihn ist ja auch das Verbot der vorsätzlichen Körperverletzung an kleinen Knaben ein Hinderungsgrund für das Funktionieren jüdischen Lebens in Deutschland. Wir dürfen froh sein, dass der langgeübte Brauch des fröhlichen Schwiegermüttersteinigens (weil sie den Schwiegersohn zu attraktiv fanden) aus der Mode gekommen ist, sonst hätten wir da sicher ebenfalls Diskussionsbedarf. Auch mit BDS-Aktivisten muss man das nicht diskutieren, deren Meinung dazu ist ja hinlänglich bekannt. Aber wie sieht es mit dem Rest der Bevölkerung aus – und das sind geschätzte 95 %? Interessiert das niemanden? Also „Much adoe about Nothing“, wie der verehrte Herr Shakespeare einst so treffen formulierte?
      Olivers Argumentation ist zugegebenermaßen stellenweise etwas inkonsistent, aber keinesfalls irrational.
      Falls du meinst, das sei dasselbe, empfehle ich die Lektüre des Duden.
      Und bei „manche Sachen sind immer antisemitisch“, fehlt nur der Einschub (in unserem Land, verursacht durch unsere Geschichte) und schon stimmts wieder.
      Im Übrigen: Wenn wir Kritik an Linken tabuisieren, weil das (sinngemäß) „die linken und antirassitischen Bewegungen weiter schwächt“, dann kann ich nur hoffen, du hast das nicht so gemeint.

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