MGEN-Podcast 80: Der Todes*: Warum haben viele Religiöse Angst vor Gender-Studies? — Gespräch mit Regina Frey

Überall lauern Frühsexualisierung, Genderideologie, linksgrüne Mensch*Innen und die  Zerstörung der gottgewollten Ordnung, hinter jedem Busch hemmungsloser, neuheidnischer Geschlechtsverkehr — Viele religiöse Menschen beben vor Zorn, wenn sie den Begriff „Gender“ hören.

Wieso eigentlich? Was motiviert Leute, die Geschlechterforschung in Grund und Boden zu verdammen? Warum haben sie so viel Angst? Und was halten Geschlechterforscher:innen selbst von diesen Reaktionen?

Dazu spricht Martina mit der Politikwissenschaftlerin und Expertin für Gleichstellungspolitik Dr. Regina Frey. Sie verfasste anderen Autor:innen den Bericht

Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie: Argumente im Streit um Geschlechterverhältnisse

Fragen oder Anmerkungen, Themenvorschläge oder Beschimpfungen bitte unter diesem Artikel in den Kommentaren hinterlassen oder an mgenblog@gmx.de. Falls ihr mögt, bewertet uns bei Apple Podcasts.

22 Gedanken zu „MGEN-Podcast 80: Der Todes*: Warum haben viele Religiöse Angst vor Gender-Studies? — Gespräch mit Regina Frey

  1. Danke an Frau Frey und Martina für die interessante Folge zu einem für MGEN ungewöhgnlichen Thema.

    Die Ablehnung von Gender-Forschung und Geschlechtergleichberechtigung geht ja weiter als nur in Teile der katholischen Kirche, sondern ist auch bei evangelikalen Christen, Muslimen und vielen jüdischen Gemeinschaften stark und quasi identitätsstiftend. Gibt es Untersuchungen zu Gemeinsamkeiten für mehrere oder alle Religionen? Braucht es vielleicht aus irgendeinem Grund dieses gegeneinander aufstellen der Geschlechter um eine religiöse Gemeinschaft langfristig am Leben zu erhalten? Oder ist es Zufall oder sieht bloß so aus daß immer dort, wo Geschlechtergegensätze aufgehoben werden die Religion schwächer wird?

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    • Allzu weit muss man da nicht suchen. Vielen davon ist einfach nur guter alter Frauenhass. Die haben sich einen Überbau („Gott will es so“) gezimmert warum der Frauenhass zu ihrer Ideologie gehört und haben jetzt Schwierigkeiten ihn los zu werden.

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  2. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit will ich hier nicht gleich zu den Kontroversen und Widersprüchen kommen, sondern erstmal aufzählen, womit man bei mir offene Türen einrennt: Ja, ich denke auch, dass es einige alte Katholiken und Evangelikale gibt, manchmal sogar junge, die mit ihrem Weltbild in den 50er Jahren stecken geblieben sind. Das ist aber eine recht kleine und weitgehend irrelevante Truppe – ich rede allerdings hier schon mit starkem Focus auf Deutschland. Von Polen habe ich zu wenig Ahnung – da dringen nur 2-3x im Jahr Schlagzeilen zu mir wie jetzt der Streit um die Abtreibungen, die Besetzung von Richterpositionen war auch so was.

    Dem mag man entgegenhalten, dass der Papst im Katholizismus ja nicht irgendwer ist, aber als regelmäßiger Konsument von MGEN und Ketzerpodcast ist man da besser informiert. Zwar gibt es noch > 50% Kirchenmitglieder in Deutschland, obwohl das mit einer Kirchensteuer verbunden ist, aber von den Kirchenmitgliedern gehen nur ca. 10% überhaupt regelmäßig zu Gottesdiensten, also zu mehr als Weihnachten, Ostern, Hochzeit und Beerdigung. Das deutet schon drauf hin, die Kirche im Leben der Gläubigen nicht den Stellenwert hat, den sie sich selbst zuschreibt. Und es gibt auch Umfragen, Link müsste ich aber auch erst suchen, die zeigen, dass die Leute der Kirche keinen Einfluss auf ihre politische oder weltanschauliche Einstellung mehr zugestehen. In solchen Fragen nehmen die meisten Katholiken den Papst nicht für voll, es ist ihnen wurscht was der verkündet, behauptet und glaubt, und selbst wenn sie vertreten, die Frau habe zu Hause den Herd zu hüten, würde ein Papst, der das Gegenteil verlangt, sie auch nicht umstimmen.

    Aus dem konservativ-reaktionären Lager gibt es natürlich unsachliche Kritik, Polemik und Diffamierung, aber mein Eindruck ist, dass das auch keine Einbahnstraße ist.

    Wir wollen hier aber sachlich bleiben.

    Zum Gender-Pay-Gap: Das wurde verglichen mit dem BSP, welches auch eine ganz pauschal erhobene Messgröße sei, und dass diese ungeeignet sei, Umweltschäden, die mit materieller Wohlstandsausdehnung einhergeht, abzubilden. Das ist nicht falsch, nur wurde das BSP nicht erhooben, um Umweltschäden zu messen. Der GPG dagegen wurde zu keinem anderen Zweck erhoben, als Einkommensunterschiede zwischen Mann und Frau zu messen. Mal wird gesagt „für gleiche Arbeit“, mal für „gleichwertige Arbeit“, für Arbeit auf gleicher Qualifikationsstufe o. dgl. Bei einem naiven Blick auf ihn scheint er er schlaglichtartiger Beleg zu sein für die behauptete, fortgesetzte Unterdrückung von Frauen, aber beim kritischen Blick darauf zerinnt alles zwischen den Fingern. Das man sich nicht schämt es weiter damit zu versuchen!

    „Das biologische Geschlecht wurde gegründet um viele Frauen aus vielen Bereichen komplett auszuschließen“ – 12:40 ff.

    Ja, ich würde sagen, da sind wir am kritischen Punkt angelangt, und ich würde mir eher eine Sendung wünschen, die die Gemeinsamkeit religiöser Fundamentalisten mit den meisten Feministen thematisiert: Die Ablehnung von Evolutionstheorie und Biologie. Bei wie vielen Tierarten beobachten wir Geschlechterrollen, die auf biologischen Funktionen basieren? Aber kaum führt man etwas derartiges an oder erwähnt Hormone wird man als biologistisch diffamiert.

    Biologisches Geschlecht wurde nicht gegründet (von wem denn?), sondern beobachtet, beschrieben, systematisiert. Dafür muss man kein Wissenschaftler sein. Ja, frühere Wissenschaftler haben ihre Gesellschaftsordnung mit teils hahnebüchenen Begründungen zu legitimieren versucht, aber wenn Männer gesagt haben, dass Frauen nicht zum Richteramt taugen, waren das Juristen oder Biologen?

    Mit rhetorischen Taschenspielertricks soll uns dann eingeredet werden, dass die Vorurteile, nett Bias genannt, der Genderstudies eine harmlose Selbstverständlichkeit der Sozialwissenschaften seien, die nun mal nicht die Instrumente der Naturwissenschaft hätten.

    Da muss ich heftig widersprechen. Richtig ist, dass kein Mensch frei von Vorurteilen ist, und das Bias nie ganz ausgeschlossen werden kann. Als individueller Fehler eines Wissenschaftlers ist das natürlich verzeihlich, aber nicht als kollektiver Fehler einer ganzen Disziplin. Die Arbeiten der Genderwissenschaften sind doch nie auf einen interessenlosen, ergebnisoffenen Erkenntnisgewinn gerichtet. Es geht immer nur darum irgendwo, wo man der erste ist, eine weitere Ungerechtigkeit des Patriarchats ausfindig zu machen. Es werden Begriffe umgedeutet und neue kreiert, wo man sonst nicht weiterkommt, seit einiger Zeit hört man überall Frauen würden unsichtbar gemacht oder deren Leistungen, es wird von ihnen als Marginalisierten gesprochen, jeder erleidet alle Nase lang ein Trauma; Blicke, Sprache, alles ist inzwischen Gewalt usw.

    „Niemand will jemandem das Geschlecht wegnehmen“ – auch nicht Judith Butler, die „Undoing Gender“ verfasst hat?

    Feminismus/Gender Studies haben 2 fundamentale Probleme, aus denen sie nicht rauskommen: A) Es wird behauptet, Frauen seien Männern in allen Belangen ebenbürtig. Mit dieser Annahme wird es schwierig zu erklären, wie es zu einer männlichen Vorherrschaft kommen konnte.
    B) Es wird behauptet, das Geschlecht sei ein Unterschied, der eigentlich unbeachtlich sei, und keinen wesentlichen Unterschied macht. Dieselben Personen behaupten aber meist, dass bei transsexuellen Menschen dieser Unterschied, was einer ist und wie er behandelt wird, ein Unterschied ums Ganze ist. Das jemand, der vorher ja nie eine eigene Erfahrung im anderen Geschlecht gemacht hat, intrinsisch wissen müsse und nur selbst wissen könne, welchen wahren Geschlechts er ist. Das ist irgendwie merkwürdig, dass biologische Männer nichts mit ihrem Mannsein verbinden sollen, aber biologische Frauen, die sich ganz klar als Mann fühlen, die wissen es.

    Stattdessen wird als Strohmann die Polemik der Gegenseite, dass jeder sein Geschlecht täglich wechseln können soll, als Übertreibung enttarnt. Applaus!

    Wir haben hier aber, glaube ich, zwei Seiten, die sich gegenseitig absichtlich missverstehen, um einen Stellungskrieg fortsetzen zu können, der dem eigenen Handeln Sinn verleiht.

    Ich hätte nichts dagegen, wenn plötzlich 50% der MINT-Studenten Frauen wären, von mir aus auch 80%. Es wird nur nicht passieren. Und ich habe etwas dagegen, viel Aufwand zu treiben, solche Fetischziele zu erreichen und sich selbst und die Welt darüber zu betrügen, ob hier Diskriminierung oder Anderes am Werk ist.

    Wie kommt es denn, dass in Jura und Betriebswirtschaftslehre, Fächer, in denen die Konservativen viel prävalenter sind, als in Ingenieurswissenschaften, der Frauenanteil so viel höher ist?

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  3. Hallo liebe Atheisten und danke für das Aufgreifen des Themas. Ich habe oft den Eindruck, dass auch in Atheistenkreisen immer noch traditionelle Geschlechterrollen vertreten werden und jedes kritische Betrachten sofort als Generalangriff auf die eigene Lebensweise und die ach so große geistige Reife verstanden wird.

    Diese Menschen erklären nicht nur die Genderforschung für unwissenschaftlich, sondern erklären sogar das Untersuchen von Geschlechterbildern grundsätzlich für illegitim. So eine Leugnung von Offensichtlichem kann eigentlich nur von Menschen erfolgen, die selbst keinerlei Benachteiligungserfahrung gemacht haben, also sehr privilegiert aufgewachsen sein müssen.

    Religiöse Menschen müssen sich nicht argumentativ verbiegen, die tragen einfach ihr „Gott hasst Gender“ vor sich her.

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  4. > dass auch in Atheistenkreisen immer noch traditionelle Geschlechterrollen vertreten werden

    Von wem denn konkret? Solche Allgemeinaussagen lassen sich nicht prüfen und was ohne Evidenz behauptet werden kann, das kann auch ohne verworfen werden. 🙂
    Mach mal Butter bei die Fische und nenne ein paar Atheisten, die traditionelle Genderrollen vertreten. Ich wette Du kannst keine 3 bekannten benennen. Welche traditionellen Genderrollen sind das?

    Diese Menschen erklären nicht nur die Genderforschung für unwissenschaftlich,

    Ist das wirklich alles, was sie machen, sie erklären GF für unwissenschaftlich? Oder zeigen sie es auf? Sie erklären sogar für illegitim! Hört, hört! Nicht dass sie noch Frankreich den Krieg erklären, so ganz ohne Machtbefugnis!

    So eine Leugnung von Offensichtlichem kann eigentlich nur von Menschen erfolgen, die selbst keinerlei Benachteiligungserfahrung gemacht haben, also sehr privilegiert aufgewachsen sein müssen.

    Du hast gar nicht vorher von einer Leugnung gesprochen, inwiefern also „so eine“? Was ist denn offensichtlich und wird dennoch geleugnet? Und wieso kann jemand, der das tut, keine Benachteiligungserfahrung gemacht haben? Kommt mir sehr unwahrscheinlich vor, bei der Unzahl der Kontakte, die man im Leben hat, bei denen man benachteiligt werden kann.

    Religiöse Menschen müssen sich nicht argumentativ verbiegen, die tragen einfach ihr „Gott hasst Gender“ vor sich her.

    Heißt das im Umkehrschluss, dass sich Atheisten argumentativ verbiegen müssen?

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  5. Zu dem Begriff „Gender-Ideologie“, an dem sich Frau Frey sich so stört:
    Die Grundlage der Gender Studies ist die auf die Zweite Welle der Frauenbewegung zurückgehende Idee, dass die Geschlechterdifferenzen in der Gesellschaft nicht biologisch bedingt, sondern sozial konstruiert sind. Das kann stimmen oder auch nicht. Wenn man allerdings in dieser Hinsicht nicht ergebnis-offen forscht, ist der Vorwurf, Ideologe und kein Wissenschaftler zu sein, sehr naheliegend. Und wenn man dann diesen Vorwurf als „Diffamierung“ abtut, ist man außerdem kein guter Diskussionspartner.

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  6. Ich habe einige Fragen an Regina Frey zu einem Thema. Im Oktober 2018 wurde bekannt, das einige Hoax-Paper von James Lindsay, Peter Boghossian und Helen Pluckros in Peer-Review Zeitschriften veröffentlicht wurden, unter anderen im Bereich der Gender Studies. https://de.wikipedia.org/wiki/Sokal_Squared
    Folgende Fragen habe ich.
    Wie angesehen waren die betroffenen Journale?
    Welche Meinungen gab es von den Wissenschaftlern aus den Disziplinen?
    Was ist ihre Meinung dazu?

    Ich hoffe das MGEN die Fragen vielleicht weiterleiten könnte.

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      • Ich muss zugeben, dass ich die Feindseligkeit gegenüber Martina und unserem Gast nicht nachvollziehen kann. Warum fühlt ihr euch bloß so angegriffen?

        Woher der Drang länglich -nun ja- Argumente vorzubringen, die im Gespräch selbst alle schon besprochen und widerlegt werden?

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        • @MGEN

          Ich muss zugeben, dass ich die Feindseligkeit gegenüber Martina und unserem Gast nicht nachvollziehen kann.

          Es tut mir wirklich Leid, dass mein Kommentar feindselig gegenüber den beiden aufgefasst wurde. Das war nicht meine Absicht.

          Woher der Drang länglich -nun ja- Argumente vorzubringen, die im Gespräch selbst alle schon besprochen und widerlegt werden?

          Ähm, naja, über die Hoax-Paper wurde halt nicht im Podcast gesprochen und euer Fokus war halt nunmal eher die Angriffe von der religiösen Seite aus.
          Ich habe mir noch keine Meinung zu Gender-Studies gebildet. Das mediale Echo zu den Hoax-Paper drauf war ja eindeutig. Leider habe ich nichts von Seiten der Gender-Studies vernommen, weswegen ich hier die Gelegenheit nutzen wollte um die Fragen stellen und wenn möglich eine Meinung dazu zu bilden.

          @User unknown
          Die 3 haben 20 Hoax-Paper geschrieben, 9 davon wurden abgelehnt, 4 wurden veröffentlicht, 3 weiter sollten veröffentlicht werden und 4 waren noch im Peer-Review Prozess. Die „Papers“ zu Hundepark und Mein Kampf stammen von den 3 oben genannten Personen und wurden veröffentlicht oder sollten veröffentlich werden.

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          • Diese Hoax-Papiere zum Entlarven von schlechten Peer-Review-Prozessen gibt es schon seit Jahrzehnten und quer durch alle Disziplinen – Philosophie, Biologie, Sozialwissenschaften, you name it.

            Wieso willst du ausgerechnet einer Gender-Studies-Wissenschaftlerin, die du nicht persönlich kennst und in einem Podcast gehört hast, diese Frage stellen? Der Hintergrund der Frage ist ja klar: Da schwingt die Unterstellung mit, die Disziplin sei nicht wissenschaftlich und kann keine Hoax-Papiere von echten unterscheiden. Oder nicht? Und stellst du diese Frage auch Biologen, die du in einem Podcast hörst?

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            • @MGEN
              Weil vielleicht der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit im Podcast kaum bis gar nicht behandelt würde.
              Was ist den der Vorteil von Konstruktivismus gegen über den kritischen Rationalismus? Wie sieht es mit der Falsifikation aus, ist das mit dem Konstruktivismus überhaupt vereinbar? Es wird weder im Podcast noch in der Sammelband besprochen.

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            • @MGEN
              Doch die Hoax-Paper interessiert mich schon. Meine Fragen zielten halt auf den inneren Diskurs und ich wollte halt auch eine andere Meinung zu den Hoax-Paper lesen bzw. hören.
              Gut, ich nehme zu Kenntnis das Kommentare als Angriff verstanden wurde, tut mir wirklich leid war, nicht beabsichtigt.

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            • @MGEN
              Falls das nicht rüberkamm, ich bin für Gleichberechtigung, ich bin auch für eine Untersuchung der Geschlechter, auch mit mitteln der Soziologie.
              Das meine Fragen als Angriff verstanden wurden, nehme ich zu Kenntnis, tut mir ehrlich leid, das war nicht meine Absicht.
              Für mich persönlich ist das Gespräch damit beendet.

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        • Antwortest Du auf mich und vielleicht meinen vorigen Beitrag, der vielleicht lang war, aber nicht länglich? Oder doch auf bun0815?

          Bei mir sehe ich nicht, wie Du dazu kommst, Feindseeligkeit zu unterstellen.

          Wie kommst Du zu der Unterstellung, wir fühlten uns angegriffen? Willst Du das zu einem getroffene-Hunde-Bellen-Beweis machen und als psychisches Defizit behandeln, um nicht inhaltlich darauf einzugehen? Wieso postest Du denn als MGEN und nicht als identifizierbare Person?

          Welches Argument wurde denn im Gespräch schon besprochen?

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  7. Bevor sich hier alle an die Gurgel gehen, versuche ich eine etwas abwägende Position einzubringen.

    Vorab:

    Der Mensch ist ein Trockennasenaffe. Unsere nächsten lebenden Verwandten im Tierreich sind Bonobos und Schimpansen. Bei diesen Tierarten (wie bei allen Säugetierarten) gibt es Männchen und Weibchen sowie Sexualität für die Fortpflanzung. Diese Tiere kennen keine Religion und keine Kultur im menschlichen Sinne. Die Wahrscheinlichkeit, dass Beutelratten eine Kultur oder Religion zur Unterdrückung der Weibchen entwickelt hat, damit diese ihre geschlechtsspezifischen Aufgaben (Stichwort: soziales Geschlecht) erfüllen, ist eher gering anzusetzen.

    D. h. wir entstammen dank der Evolution einem Tierreich, das Weibchen und Männchen zum Arterhalt hervorgebracht hat. Als bestmögliches Konzept für die gegebenen Umstände. Also haben wir in unseren Genen ebenfalls die Anlage, Frau oder Mann zu sein, als XX- oder XY-Menschen. Da Evolution nur dadurch funktioniert, dass sie „gerne“ mit ihren Produkten „herumspielt“, gibt es immer wieder Varianten, die von diesem Grundmuster abweichen. D. h. es kann (wie bei manchen Tierarten) homosexuelle Spielarten geben oder auch das Gefühl, im falschen Körper geboren worden zu sein. Wozu diese Varianten entstehen, ist weniger interessant. Es sind natürliche Mutationen, die nicht kulturell erzeugt, sondern kulturell eher bekämpft wurden.

    Die Kultur, speziell die Religion, hat hier versucht, die Spielarten der Natur als widernatürlich darzustellen und mit sozialem Druck einzuhegen. Es ist ein Gewinn unserer heutigen Kultur, dass dies nur noch von Außenseitern gewünscht wird, die häufig in Kirche/Moschee/Synagoge oder im politisch rechten Lager anzutreffen sind. D. h. nach einem langen Kampf gegen religiöse Traditionen haben wir (seit 1949) die Gleichstellung von Mann und Frau, die Anpassung des BGB an diese grundgesetzliche Vorgabe bis hin zur Homo-Ehe.

    Dies ist ein Fortschritt für die Betroffenen, weil sie sich nun frei entfalten können (auch wenn es noch gesellschaftliche Widerstände gibt). Doch all das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es selbstverständlich Männer und Frauen gibt, die sich „in ihrer Haut wohlfühlen“, so wie es ist. Die heterosexuell leben, die ebenfalls ihre Art zu leben frei entfalten wollen. Was ist „ihre Art zu leben“? Diese ist dank des Fortschritts diverser geworden. Früher waren viele Berufe körperlich anstrengend. Hier waren Männer im Vorteil. Wegen fehlender Küchenhilfen (außer in noblen Villen und Schlössern) war auch allein die Kindererziehung, die Instandhaltung des Haushaltes und die Beschaffung (oft genug der Anbau) von Nahrung und deren Zubereitung ein extrem anstrengender Fulltime-Job.

    Heute ist Haushalt unendlich viel einfacher geworden: Es gibt Kitas für die Kinderbetreuung, jede Menge maschinelle Unterstützung und im Zweifelsfall die Liefer-Pizzeria im Ort. Ich selbst schmeiße neben meiner Arbeit bei uns den Haushalt. Es geht. Alles eine Frage der Organisation. D. h. heute (HEUTE!!!) sind Frauen und Männer imstande, völlig neue Lebenskonzepte zu entwickeln. Bis vor 50 Jahren war der Deckel noch auf dem Topf. Frauen bekamen erst nach und nach die erforderlichen Freiheiten, sich zu entfalten. Und jetzt brauchen sie – vielleicht noch ein oder zwei Generationen – Zeit, um dies auch zu verinnerlichen, Chancen und Risiken miteinander abzuwägen. Nur weil Mädchen in die MINT-Fächer dürfen, heißt das doch nicht, dass sie das auch alle wollen. Nur weil DAX-Unternehmen Frauen in den Vorstand lassen (müssen), heißt das doch nicht, dass Frauen das sofort wollen.

    Erst die jetzige Schüler-Generation hat Eltern, die bereits frei erzogen wurden und es als selbstverständlich ansehen, wenn die Tochter Schweißer und der Sohn Hebamme wird. Deren Kinder werden sich solche Fragen nicht einmal mehr stellen, sondern nach ihren Neigungen gehen. Vielleicht ist dann die Enkeltochter Hebamme und der Enkelsohn Schweißer. Was soll’s?

    Ein Teil dieser oft hitzigen „Gender-Debatten“ rührt aber sicher auch daher, dass wir heute durch das Tal der Wehleidigen schreiten. Jetzt sieht sich irgendwie jeder als Opfer. Bringt Vorteile, zumindest Aufmerksamkeit. Ja, ich wurde in meinem Leben von Frauen Scheiße behandelt. Soll ich sie deshalb ablehnen? Oder ihre Ansichten (die so divers sind wie die Farben in meinem Farb-Archiv)? Warum? Leben und leben lassen. Eins habe ich habe verstanden: Frauen sind eine eigene Spezies. Andere sagen etwas poetischer, sie kämen von der Venus; die Männer vom Mars.

    Ich möchte hier eine Literaturempfehlung abgeben (obwohl ich meine Kritikpunkte an dem Buch habe): Prof. Dr. Ulrich Kutschera, Das Gender-Paradoxon – Mann und Frau als evolvierte Menschentypen, LIT-Verlag, 2016. Kutschera ist eine Koryphäe der Evolutionsbiologie und hat sich ausgiebig mit dem Thema, auch den Gender-Studies – auseinandergesetzt. Auf höchst wissenschaftlicher Ebene. Es ist interessant zu lesen, wie er die Herkunft dieser radikal feministischen Ideologie (und er begründet auch präzise, warum es eine Ideologie ist) herausarbeitet.

    Ich bin sogar der Meinung, dass er dies unnötig genau ableitet, weil der Urheber heute keine Rolle mehr spielt, doch aus historischem Interesse ist es ganz brauchbar. Ich finde auch einige seiner Schlussfolgerungen zu hart, doch sie sind stets wissenschaftlich begründet. Kutschera hat auch über den Schöpfungswahn der Religionen gearbeitet etc. Er kennt diese ganze Thematik sehr genau, wie ich auch in persönlichen Gesprächen mit ihm erfahren durfte.

    Ich finde, das sollte man wissen, wenn man sich auf Diskussionen über die Gender-Studies und Anhängsel einlässt. Medaillen haben nämlich in der Regel zwei Seiten. Nur wer beide kennt, kann sich ein eigenes Bild machen. Meine Position ist, dass es Männer und Frauen als evolviert definierte „Spezies“ gibt, die nicht nur die Form des Geschlechtsorgans unterschiedet. Männer haben es mit dieser Unterscheidung allerdings durch die Religion/Kultur übertrieben, was viele Frauen jedoch hinnahmen. Nicht immer klaglos und sicher war da auch Gewalt im Spiel. Aber es gibt (auch heute noch) Frauen, die sich mit ihrer Geschlechterrolle angefreundet haben.

    Die Aufklärung läutete den langen Abschied von den Geschlechterstereotypen ein. Die Aufklärung brachte den Fortschritt, der letztlich zu Erleichterungen im Berufsleben und Haushalt führte, und die politische Befreiung, die 1949 ihren ersten Höhepunkt erlebte. Dass solche radikalen gesellschaftlichen Umwälzungen nicht in 50 Jahren erledigt sind, sollte jedem nach 10.500 Jahren Patriarchat klar sein. Das mag noch weitere 50 Jahre dauern, bis niemand mehr über Geschlechterrollen spricht, sondern einfach nach seinen Neigungen und Möglichkeiten lebt, ohne sich von der einen oder anderen Seite bevormunden zu lassen.

    Man wird dann auch die gendergerechte Sprache als Irrweg erkannt haben und überhaupt feststellen, dass Opfer nicht durch die Verwendung „falscher“ Worte entstehen, sondern wenn jemand Worte mit dem Ziel zu schaden verwendet – oder der andere doch gerne mal als Opfer wahrgenommen werden möchte.

    Ich bin also optimistisch für die Zukunft, denn seit 1949, seit Elisabeth Selberts heroischem Kampf für den Art. 3 GG, sind wir auf einem guten Weg. Die Hälfte davon, so schätze ich, ist geschafft. Den Rest schaffen Männer und Frauen gemeinsam…

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    • Das dürfte das erste Mal sein, dass ich einem Beitrag von Bernd Kammermeier liken würde, wenn ich einen WP-Account hätte. Stattdessen auf diesem Weg ein „gefällt mir“. Insbesondere das „Tal der Wehleidigen“ trifft den Nagel auf den Kopf.

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  8. Vielen Dank für den Beitrag (von der Ketzerpodcast-Konkurrenz)! Ich fand ich den Beitrag sehr interessant und anregend.
    Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir Atheisten uns von interessierten politischen und religiösen Kreisen in der Gender-Frage auseinander dividieren lassen, wo wir doch mit Toleranz und Wissenschaft punkten könnten.

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    • Würde es um Meinung oder Vorliebe gehen, würde ich da zustimmen. Doch ich halte mich – egal wie fies eine Diskussion dann läuft, egal welche politische Seite Beifall klatscht – an belegte Fakten, wenn Meinung zwar nett, aber nicht zielführend ist. Und gerade diese kompromisslose Position vermisse ich bei Verfechtern des Genderismus.

      Dabei könnte man doch völlig entspannt über die Themen diskutieren. Das ist nur leider sehr selten der Fall. Und wenn man dann noch in einen Topf geworfen wird mit Rolle-Rückwärts-Ideologen, dann wird es bitter. Ich will hier auf einzelne Punkte gar nicht eingehen, daher mahne ich nur allgemein die Gepflogenheiten wissenschaftlicher Debatte an. D. h. auch, jeglichen Dogmatismus über Bord zu werfen. Der hat hier nichts zu suchen…

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    • Welche interessierten Kreise hast Du da so vor Augen? Nicht, dass Du noch einer Verschwörungstheorie anheim fällst. 🙂

      Ich bin tolerant gegenüber Feministen, aber weder gehe ich vor ihnen auf die Knie, noch achte ich deren Glaubensinhalte als sakrosankt.
      Toleranz heißt ja dulden, nicht sich anschließen.

      Ich glaube beispielsweise nicht daran, dass wir in einer Rapeculture leben. Ich glaube nicht, dass das klassische Deutsch eine gender- oder geschlechtsungerechte Sprache ist. Ich glaube nicht, dass der Gender-Pay-Gap auf Unterdrückung oder Benachteiligung beruht. Ich glaube nicht, dass männliches Verhalten toxischer ist, als weibliches. Ich glaube nicht, dass die männliche Dominanz in MINT-Fächern auf Diskriminierung beruht und auch nicht, das weibliches Verhalten ausschließlich kulturell vermittelt wird. Ich halte Frauen- und andere Quoten für falsch, in Beruf und Politik. Ich glaube nicht, dass jeder Frau, die sich als Opfer bezeichnet, geglaubt werden muss. Ich glaube die Biologie spielt im menschlichen, geschlechtsspezifischen Verhalten eine enorme Rolle und halte es für Hasardeurtum, das mit aller Macht ändern zu wollen.

      Ich könnte sicher noch mehr vorbringen, wenn uns der Gesprächsstoff auszugehen droht. 🙂

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  9. Liebe Frau Frey und Martina, danke für das interessante Gespräch. Meinen Namen schreibe ich hier nicht. Das von ewig gestrigen Dudes angeschnauzt werden erspare ich mir.

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