MGEN-Podcast 75: Völlig meschugge! – Antisemitismus in der Sprache

Martina hat das Buch „Antisemitismus in der Sprache“ des Journalisten Ronen Steinke gelesen und berichtet Oliver und Till davon, welche Antisemitismen sich in unser Alltagsdeutsch eingeschlichen haben.

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7 Gedanken zu „MGEN-Podcast 75: Völlig meschugge! – Antisemitismus in der Sprache

  1. Also hier muss ich zum ersten Mal Kritik anmelden. Warum? Sprache ist ein Transportmittel von Gedanken. Wenn ich mir jedes Mal, wenn ich spreche oder schreibe, Gedanken machen müsste, aus welcher Sprache dieses oder jenes Wort entlehnt ist (und warum ursprünglich!), dann käme ich kaum noch dazu, meine eigentlichen Gedanken unfallfrei zu formulieren.

    Wir haben ja nicht nur aus dem Jiddischen Lehnworte übernommen (und hin und wieder antisemitisch benutzt), sondern auch das Lateinische, das Griechische, das Französische, das Englische, Russische, Spanische etc. pp. hat uns Worte geliefert. Sehr oft auf Missverständnissen (z. B. mutterseelenallein) basierend, oft aus lautmalerischen Gründen oder einfach, um die Sprache reicher zu machen.

    Eine Sprache lebt von Vielfalt. Das Deutsche speziell hat viel einverleibt, um die Sprache der Dichter und Denker zu werden. Das Englische ist hier viel ärmer. Wir sollten also bestimmte Worte nicht deswegen nicht nutzen, weil sie irgendwann einmal in böser Absicht ausgesprochen wurden. Es geht meiner Meinung nach immer nur um den Inhalt des Kommunizierten. Ist der nicht antisemitisch (oder sonst was Negatives), dann darf darin jedes Wort vorkommen, um sich dem Gegenüber verständlich zu machen.

    Mit der Schere im Kopf spricht und schreibt es sich nicht gut. Ich finde es auch bedenklich, wenn immer mehr Gruppen und Grüppchen aus den Tiefen des Internets auftauchen und sich als Opfer gerieren. Ach guckt mal, die Römer haben den Stamm für das Wort „deutsch“ geliefert und das war böse gemeint. Wir sind doch Germanen und wollen auch bitte so genannt werden. Das stimmt tatsächlich. Der Begriff „deutsch“ ist ein imperialistisches römisches Wort und Fremdzuweisungen werden ja nach und nach zu „Iiieehhh…-Wörtern“ erklärt.

    Mit so absurden Resultaten, dass man heute – piekfein – nicht mehr „Eskimo“ sagt, sondern „Inuit“. Dabei sind Inuit nur einer der vielen Eskimostämme, die sich selbst Eskimos als Sammelbezeichnung nennen. Ein Inuit ist also ein Eskimo, aber nicht alle Eskimos sind Inuit, so wie alle Hessen Deutsche sind, aber nicht alle Deutschen sind Hessen.

    Diese Forderungen nach Sprachbereinigung folgt oft genug einem gewissen Kalkül, wenn es um die Selbstdarstellung als Opfer geht. Ich habe so viel Selbstbewusstsein, dass ich mich von Amerikanern als „German“ bezeichnen lasse und von Österreichern als „Deutscher“. Ich weiß ja, was gemeint ist, auch wenn die Geschichte beider Wörter höchst fragwürdig ist.

    Wir sollten also mehr auf den Inhalt unserer Äußerungen achten und uns wegen der Sprache nicht verrückt machen. Leider ist dieser Trend seit einigen Jahren zu beobachten, bis hin zu den Sprachvergewaltigungen der „gendergerechten Sprache“, die ich für die schlimmste aktuelle Geschlechterapartheit halte. Sprache gehört zu meinem Geschäft und mich gruselt es, dass vor allem Frauen dies propagieren. Da rate ich: Nachdenken, nachdenken, nachdenken. Für alle diese wichtigen Gedanken ist hier leider zu wenig Zeit ist es ist schon spät, aber ich möchte mich für den Denkanstoß durch euren Podcast herzlich bedanken…

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  2. Mit Bernd Kammermeier gehe ich d’accord, und nur teils mit euren Podcastbefunden, -meinungen und -äußerungen.

    Dass Ische „Frau“ bedeutet wusste ich, und ob ich annehme, dass es abwertend gemeint ist, das mache ich, wie bei jedem Wort, vom Kontext abhängig, und welche Wertung ich selbst damit verbinde, ist wieder eine andere Frage. Nicht jeder der „Nazi“ sagt, meint es abwertend, aber es ist seit Jahren ein Trend beobachtbar, die Sprache so zu verwenden, dass man sich damit einem Lager zugehörig ausweist.
    Das verhindert einerseits Nuancen und Vagheit, die ja beabsichtigt sein können, andererseits ruft es eine Blockwartmentalität hervor, so dass Leute mit langen Listen bewaffnet darauf warten, andere zu maßregeln und inhaltliche Diskussionen zu entgleisen, in dem die Wortwahl problematisiert wird. Musterbeispiel „Atomkraft“ vs. „Kernkraft“ (für die Älteren) aber auch „Astronaut“ vs. „Kosmonaut“ als Versuch, die gleiche Sache als unterschiedlich zu markieren, je nachdem, wer sie ausübt. Oder „Freiheitskämpfer“, „Separatist“, „Revolutionär“, „Terrorist“, … . Ein Feilschen und Schachern um die richtigen Begriffe.
    Abhängig davon, wer etwas tut, wird auch gerne Gewalt on the fly umdefiniert. Mal heißt es, Gewalt gegen Sachen sei gar keine Gewalt, wenn kein Mensch verletzt wird (sondern nur Supermärkte, SUVs und Banken niedergebrannt werden), dann heißt es „silence is violence“ bzw. Sprache sei Gewalt.
    Das sind zweierlei Maßstäbe.

    Absurd finde ich viele der Vorwürfe, etwa das „schachern“ ein antisemitischer Ausdruck sei. Der Begriff ist in der Alltagssprache, wie viele jiddische Ausdrücke, fest verwurzelt, und wer sich nicht näher mit Jiddisch befasst hat, weiß in der Regel gar nichts über dessen jiddische Wurzeln. Wie soll es dann antisemitisch sein, wenn über 90% derer, die es verwenden, ob Antisemiten oder nicht, das nicht mal ahnen?

    Dass eine Sache nicht ganz koscher ist, da dürfte mehr Leuten der Zusammenhang mit dem jüdischen Kult geläufig sein – in der Schule lernt man ja mal kurz was über andere Religionen, auch wenn man christlich gebundenen Religionsunterricht erleiden muss.

    Mischpoke als Verwandtschaft kenne ich auch schon ewig, und bei vielen Wörtern weiß ich auch über die jiddischen Wurzeln, aber bei „schachern“ hätte ich es nicht gewusst, ebenso bei „mauscheln“ und „schmusen“.

    Wenn die Verwendung von „schmusen“ nicht antisemitisch ist, dann sind es die anderen Verwendungen auch nicht. Die Betonung eines Wortes in politischer Agitation, wenn der Redner davon ausgeht, dass einige der Hörer die Anspielung verstehen, kann es aber doch sein. Aber es ist der Kontext, der den Antisemitismus ausmacht, nicht das Wort.

    Viel antisemitischer finde ich den Versuch, alle jiddischen Wörter aus der deutschen Sprache auszumerzen. Es wird sowieso nicht funktionieren, aber man sollte sich andere Sisyphossteine suchen, die man Berge raufrollt.

    Aber ist der Autor des Buches, Ronen Steinke, nicht als Jude über jeden Verdacht erhaben?
    Nein. Niemand ist über jeden Verdacht erhaben, Journalisten als allerletztes. Würde er was von Literatur verstehen, dann wüsste er, wie groß der Beitrag jüdischer Literaten zur deutschen Literatur ist.

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    • Sehr guter und in allen Punkten treffender Kommentar. Ich habe bei mir sehr viele Spezialwörterbücher (z. B. über Jiddisch, Rotwelsch, Zigeunersprache oder sogar drei Bände Kölsch). Ich habe gestern mal kurz reingeblättert. Oje, wie viele Wörter müssten wir auf die rote Liste der bedrohten Ausdrücke setzen? Hier hat jeder jeden wechselseitig beeinflusst. Diese Sprachen und Milieusprachen sind überhaupt nicht klar zu trennen. Es spiegelt sich die Völkerwanderung wieder, die Migrationswellen und die unterschiedlichen Gesellschaftsformen. Alles das trug dazu bei, dass Sprache im jeweiligen Land das ist, was sie ist: Ein Mittel zur Verständigung, ein Mittel, um schöne Gedichte zu schreiben, anrührende Prosatexte oder wundervolle Balladen.

      Wer dies nicht erkennt (weil er sich nicht wirklich für Sprache interessiert) UND demagogisch gegen den normalen Sprachgebrauch vorgeht, der hat anderes im Sinn, was ich in die Nähe einer totalitären Gesinnung rücken möchte. Mir fällt hier spontan „Neusprech“ und „Neudenk“ aus „1984“ ein.

      Es ist eben nicht so, dass Gewalt in einer Gesellschaft verschwindet, wenn man das Wort „Gewalt“ verbietet. Am besten noch gewaltsam. Gewalt verschwindet, wenn man im Gegenteil Gewalt benennt, ihre negativen Folgen verdeutlicht und sie so ächtet. Dann entsteht auch Differenzierung, da es einen Unterschied zwischen staatlicher und häuslicher Gewalt gibt.

      Wir brauchen alle Wörter, um darüber sprechen zu können, wie wir eine faire, bunte und liberale Gesellschaft gestalten wollen. Wir dürfen kein einziges Wort den Totalitären überlassen. Denn Sprechverbote, wie z. B. für Mohrenkopf werden von den rechten Bauernfängern dazu genutzt, um Stimmung gegen eine freie Gesellschaft zu machen. Wenn sogar einem schwarzen Restaurantbesitzer in Hamburg verboten wird (bzw. es verächtlich gemacht wird), wenn er sein eigenes Restaurant „Mohrenkopf“ nennt, dann läuft etwas gewaltig schief in Deutschland.

      Die Vergewaltigung von Astrid Lindgren-Büchern, Kinderliedern etc. ist Wasser auf Mühlen der Ultrarechten. Dort wird völlig zurecht von Zensur gegrölt. Menschen mit normalem Sprachempfinden sehen das auch so. Wollen wir das wirklich zulassen? Wir müssen alle Einflüsse anderer Kulturen bei uns weiterhin nicht nur dulden, sondern als willkommene Bereicherung sehen. Erst dann fällt es uns leichter, auf die Inhalte zu achten. Um was geht es überhaupt?

      Sprache kann wunderschön sein, aber auch verletzend. Das ist keine Frage der Wörter, sondern der Gedanken, die der Sprecher damit ausdrückt. Ich hatte einen guten Freund in meiner Kindheit. Ein französischer Student, der bei meinen Großeltern ein Zimmer gemietet hatte. Wir waren dufte Kumpels und er hatte keine Problem damit, dass ich ihn Neger nannte., Schließlich war er einer. Er hatte mir das mal erklärt: „Neger kommt von niger. Das ist Latein und heißt schwarz.“ Daran, dass er schwarz sei, wäre nichts Schlimmes. Dieser junge Mann hat mir deutlich gemacht, wie lächerlich Rassismus ist, wie schädlich. Wie wir einen Menschen nennen ist nicht wichtig. Wir dürfen ihn niemals absichtlich verletzen, schon gar nicht wegen seiner Hautfarbe oder Herkunft. Die Worte, die sind unschuldig…

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      • Der schwarze Restaurantbesitzer stammt aus Kiel, nicht aus Hamburg: vgl.: https://www.nordbayern.de/panorama/zum-mohrenkopf-wie-ein-schwarzer-den-namen-seines-restaurants-verteidigt-1.10489723

        Ich hab mich kaputt gelacht, als er dem ganzen „Sprachpolizei-Gedöns“ kurzerhand den Stinkefinger gezeigt hat. Zitat: „Ich brauche keine Weißen, die mir sagen, wann meine Gefühle verletzt sind.“. Und was machen diesen „Weißen“ dann im Gegenzug mit solchen Leuten? Zitieren AfD-Nähe herbei, werfen Verrat an der eigenen Rasse vor, etc pp.
        Wer ist hier der Rassist?

        Das Ganze ist nur noch absurd. Es wird auch oft vergessen, daß Sprache und deren Konnotationen sich im ständigen Fluß befinden. Eigentlich will man ja die negativen Konnotationen zu manchen Worten los werden, aber durch Wortvermeidung wird im Grunde nur die Euphemismus-Tretmühle bedient:
        https://de.wikipedia.org/wiki/Euphemismus-Tretm%C3%BChle

        Eigentlich sollte man das umgekehrt machen: Nämlich gar nichts.
        Bei einem Wort hat das ja auch gut funktioniert: Bei dem Wort „Nazi“, das wird heute so bedenkenlos und übergreifend für jeden anderer Meinung benutzt, daß es schon völlig von seinem Ursprung weg ist und im Grund nur noch zu einer zur Lächerlichkeit verkommenden Diffamierung brauchbar ist.

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        • Danke für den Hinweis mit dem schwarzen Restaurantbesitzer. Wir besuchen ab und zu jemanden in Hamburg und da entstand der Plan, mal „Zum Mohrenkopf“ zu gehen. Dass das nicht im Hamburg, sondern in der Nähe ist, hatte ich dabei nicht mehr bedacht.

          Ich bin auch der Meinung, dass man sprachlich nichts machen sollte, sondern ausschließlich auf Inhalte achten. Dann wäre Astrid Lindgrens „Negerkönig“ (Vater von Pippi Langstrumpf) ein nettes Wort, dass keinerlei beleidigende Komponenten enthält, während „du Drecksschwarzer“ einen Maximalpigmentierten trotzdem beleidigt.

          Wenn wir doch etwas machen wollten, dann den gesamten Wortschatz nutzen, gerade um den radikalen Kräften kein „eigenes Vokabular“ zu überlassen. Und wir sollten bei tatsächlichen, vermeintlichen oder eingebildeten Randgruppen dafür werben, nicht bei jedem verständlichen, aber irgendwann mal negativ konnotierten Begriff in die Opferrolle zu schlüpfen. Das macht es nämlich Radikalen leicht, hier hetzerisch zu wirken. Nur der souveräne Umgang mit Sprache macht sie gegen
          Missbrauch immun. Wenn ein Rassist zu einem Schwarzen sagt: „Du Neger!“ und der antwortet: „Stimmt!“, wer hat dann verloren?

          Kein neues Fass, passt aber ganz gut zu Sprache im Allgemeinen. Neulich bei Plasberg: Ein Talkgast verhaspelte sich etwas mit gendergerechter Sprache und einer X*_innen Wortkonstruktion. Plasberg beruhigte ihn und sagte sinngemäß: „Keine Sorge, wir sind hier am Montag und nicht am Sonntag“ (also ein Verweis auf Anne Will, die hin und wieder glaubt Wörter mit stimmlosem glottalem Plosiv bereichern zu müssen, ohne zu bedenken, dass das antiemanzipatorisch ist…

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  3. Leute,
    ich bin euch ja so dankbar. Endlich habt ihr mit Folge 75 mal ein grandioses Eigentor geschossen. Wie Bernd und andere sagen, ist es eine Sache, Wörter und Begriffe zu verwenden, die eine völlig eindeutig ethnisch oder sexuell diskriminierende Konnotation haben, und etwas anderes, wenn Wörter verwendet werden, die aus einer fremden Sprache entlehnt werden und dann einen mehr oder deutlichen Bedeutungswandel durchmachen und nur noch Etymologen wissen, woher sie kamen. Wir können nicht ständig mit dem etymologischen Wörterbuch unterm Arm herumlaufen. Wichtig ist, dass der rassistische oder verleumderische Kontext bekannt und bis heute verwendet wird. Dann wäre für mich das Kriterium gegeben, ein Wort zu ächten. Oder schreit hier jemand Zeter und Mordio, wenn ich meinen Kumpel dämlich nenne, obwohl das doch mal hieß: „sich wie eine Dame benehmen“ oder jedenfalls so zu tun, als wäre man eine?
    Wenn ihr euch über die „Ische“ aufregt, dann denkt bitte daran, dass die Juden da ebenfalls Unterschiede gemacht haben. Im Jiddischen heißt eine nichtjüdische Frau wenig respektvoll nämlich Schickse. Und wenn ich behaupte, es zöge hier wie Hechtsuppe, wen diskriminiere ich dann: Die Juden oder die Fische?
    Also lasst mich weiterhin mit meiner Mischpoke mauscheln, stört nicht mein Techtelmechtel mit meiner Ische und lasst mich schachern, mit wem ich will.
    Im Übrigen war das Wort Neger oder Mohr (Maure) im Deutschen bis vor wenigen Jahren nur ein Begriff für stärker pigmentierte Menschen und hat seine Bedeutung erst gewandelt als irgendwelche Reichsbedenkenträger uns das erfolgreich eingeredet hatten.
    Es ist unnötig zu betonen, dass Sprache nirgendwo politisch korrekt ist und hat auch nie den Anspruch darauf erhoben hat, es zu sein.

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