MGEN-Überblick 01: Konstruktivismus

Die meisten Segmente des MGEN-Podcasts beziehen sich auf mehr oder minder aktuelle Nachrichten und können nach einer Weile getrost vergessen werden. Wir finden aber, dass einige Segmente auch jenseits der Nachrichtenlage interessant sein könnten. Darum haben wir beschlossen, solche Segmente nach Themen sortiert zu Übersichtsfolgen neu zusammen zu schneiden.

Irgendwo mussten wir anfangen, also warum nicht damit: Till berichtet in drei Teilen von dem Buch Angst vor der Wahrheit von Paul Boghossian, in dem dieser die leicht absurde Weltsicht des Konstruktivismus gemäß aller Regeln der Kunst demontiert.

Segmente in dieser Folge:

  • Angst vor der Wahrheit von Paul Boghossian, Teil 1 (Folge 2017.01)
  • Angst vor der Wahrheit von Paul Boghossian, Teil 2 (Folge 2017.02)
  • Angst vor der Wahrheit von Paul Boghossian, Teil 3 (Folge 2017.03)

Fragen oder Anmerkungen, Themenvorschläge oder Beschimpfungen bitte unter diesem Artikel in den Kommentaren hinterlassen oder an mgenblog@gmx.de. Falls ihr mögt, bewertet unseren Podcast doch bei iTunes und abonniert ihn bei

5 Gedanken zu „MGEN-Überblick 01: Konstruktivismus

  1. Ich finde das sehr gut, daß ihr auf diese Weise ältere, aber dauerhaftige Themen noch einmal aufbereitet. Da spar ich mir die Suche danach, denn ich wollte mir das eh noch mal anhören.
    Genauso wie der Beitrag zum Entstehung des Lebens mittels Selbstorganisation.
    Das sind alles Sachen, die man in 10 Jahren sich noch anhören kann (selbst falls die Forschung bis dahin entscheidende Fortschritte gemacht haben sollte).
    Kurz: EIns rauf mit Mappe 😉

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  2. Das ist eine sehr gute Idee, bitte mehr von diesen ÜBerblicken. Gerne auch Entwicklungen von Nachrichtenthemen über mehrere Folgen MGEN zusammenfassen und nachvollziehen.

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  3. Ich mag euren Podcast sehr gerne und höre ihn regelmäßig. Leider muss ich euch sagen, dass ihr den Konstruktivismus nicht in Gänze verstanden habt. Konstruktivismus ist zunächst mal ein Oberbegriff für verschiedenen Theorien. Die gemeinsame Grundannahme ist, dass der Mensch keinen direkten Zugriff auf „das Ding an sich“ (Kant) hat, weil immer der Filter der Wahrnehmung dazwischengeschaltet ist. Es gibt keine Wahrnehmung ohne Bewertung. Heinz v. Förster hat mal gesagt, Realität sei die Illusion, dass Beobachtungen ohne Beobachter gemacht werden können. Darum geht es zunächst.

    Je nach Standpunkt des Konstruktivsten mag man darüber streiten, ob es so etwas wie Realität gibt. Man kann den Standpunkt einnehmen, dass es sie nicht gibt oder dass es sie gibt, wir aber keinen direkten Zugriff darauf haben – oder man kann schlicht sagen: Es spielt keine Rolle! Kommt euch vielleicht bekannt vor… denn die Analogie zu Göttern, Theisten, Atheisten und Agnostikern ist frappierend.

    Machen wir es uns einfach mit folgender These: Es gibt nicht _eine_ Realität, weil Realitäten subjektiv sind. Wir können uns vielleicht darauf einigen, dass es so etwas wie eine „Wirklichkeit“ gibt, also ein maximal komplexer Möglichkeitsraum, indem wir Fragen in Form von Experimenten formulieren können und so zu _intersubjektiven_ Ergebnissen gelangen, über beobachtbare Phänomene und Wirkungen. Wir einigen uns dazu auf Unterscheidungen und treffen sie; mit dem Ziel und dem Effekt Komplexität zu reduzieren. Die (vermeintliche) Summe der Wirkungen können wir als intersubjektive _Wirk_lichkeit bezeichnen. Das ist exakt das, was Wissenschaft im Sinne des kritischen Rationalismus tut. Sie sagt nichts über Wahrheiten aus, sondern findet hinreichende Modelle und Erklärungen. Sie beschäftigt sich nicht damit, was objektiv oder existent ist, sondern damit, ob Forschung valide, reliabel und „objektiv“ ist; d. h.

    Eine Messung ist valide, wenn sie tatsächlich das misst, was sie messen soll und somit glaubwürdige Ergebnisse liefert. Sie ist reliabel, wenn sie bei wiederholter Durchführung zuverlässige Ergebnisse liefert. Objektiv meint hier nur, dass keine ungewollten Einflüsse durch involvierte Personen entstehen. Das ist am Ende gemeint mit Intersubjektivität. Die Forschung kann unabhängig von mehreren Personen durchgeführt werden und kommt zu denselben Ergebnissen. Damit sind die Ergebnisse nicht wahr oder real, sondern sie sind replizierbar. Die Forschung ist nicht objektiv, sondern sie hat Bestand _zwischen_ verschiedenen Subjekten. Es geht nicht um Tatsachen (etwas ist real) sondern um soziale Tatsachen (wir kommen alle zum selben Ergebnis).

    Kurz: Auf eine vermeintliche „Realität“ also auf „das Ding an sich“ haben wir als wahrnehmende und konstruierende Spezies niemals Zugriff. Wir denken mit einem Gehirn und operieren grundsätzlich mittels Selektionen und Repräsentationen, nie mit „Realem“. Wenn ich „Rose“ sage, hast Du nicht eine Rose im Kopf, sondern eine Repräsentation der Rose. Dieses Repräsentation schließt unsere gesamte Wahrnehmung mit ein, all unsere sinnlichen Empfindungen, unsere Bedürfnisse, Gefühle und Erinnerungen. Selbst wenn wir sie naturwissenschaftlich betrachten wollen, ja was nehmen wir denn dann? In der Neurologie die Hirnaktivität, in der Biologie vielleicht den Organismus, der im Grunde nur systemisch betrachtet werden kann, in Chemie vielleicht die Moleküle und Bindungen, in der Physik die Atome oder Quarks, (…) Was IST denn nun die Rose? Sie all das und nichts davon.

    Es hängt davon ab, was wir betrachten wollen. Schon von „Rose“ zu sprechen ist eine Selektion, eine Unterscheidung „Rose“ vs. „Nicht-Rose“. Ohne diese Unterscheidung können wir überhaupt keine Aussage treffen. Wir reduzieren Komplexität, weil unsere Gehirne damit nicht umgehen können.

    Das sind am Ende spannende Fragen. Glauben an die Realität heißt: „Vor mir ist eine reale Mauer, wenn ich dagegen laufe, tue ich mir weh.“ Der Konstruktivist sagt: „Wenn ich geradeaus laufe, tut es weh. Den Grund dafür nennen wir Mauer. Wir können aber z.B. auch sagen: Der Grund ist Bindungsenergie von Atomen einer Materieansammlung. Was da ganz genau ist, können wir nicht sagen, aber wir können das jetzt mit 1000 Leuten ausprobieren und uns dann darauf einigen, dass da etwas ist, das uns schmerzhaft aufhält und das wollen wir ‚Mauer‘ nennen.“

    Planton hatte schon irgendwo recht; denn alles was wir sehen, sind Schatten. Auch wenn wir gewisse Regelmäßigkeit im Schattenwurf beobachten können, wenn wir Regelmäßigkeit in die Beobachtung einbringen, scheint im Kontext menschlicher Gehirne viel stimmiger von „Realitäten“ statt von „Realität“ zu sprechen. Realität ist also eine Illusion. Und keine Beobachtung kommt ohne Beobachter aus. Platon war so gesehen Konstruktivist. Er wies darauf hin, dass wir keinen direkten Zugriff auf die Welt haben, obschon alles was wir durch das Wasser unserer Augen wahrnehmen sich für uns real anfühlt.

    Das Thema ist leider zu komplex, um es hier abschließend zu behandeln. Mein konstruktiver Vorschlag wäre, dass ihr euch vielleicht einmal mit dem Konstruktivismus befasst, in dem Sinne, dass es immer sinnvoll ist, zu versuchen, die Gegenposition zu verstehen. Anderenfalls rennt man allzu schnell in den Bestätigungsfehler. Ich denke, es ist kein guter Ansatz, sich als erstes mit der „Kritik des Konstruktivismus“ zu befassen.

    Der Konstruktivismus ist alles andere als Schwurbel. Übrigens: Die moderne Kindheitswissenschaft geht nahezu unisono davon aus, dass Kinder co-konstruierende Lerner*innen sind. Es ist also alles andere als ein randständiges Thema.

    Also dann, Danke für euren Podcast, macht bitte weiter so!

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