Warum eigentlich anonym?

Ab und zu gehen bei uns Anfragen ein, warum wir diesen Blog anonym machen. Was soll das? Haben wir Angst? Sind wir einfach zu feige unsere Gesichter zu zeigen?

Naja. MGEN wurde Anfang 2013 initiiert von drei Freunden, die um einen Küchentisch saßen und  über die Nachrichtenlage unglücklich waren – „Überall religiöse Gewalt, keine Trennung von Staat und Kirche, Benachteiligung von Religionsfreien und anderen Minderheiten. Überall Unrecht. Irgendwas müssen wir tun.“ Wir sind also ganz normale Leute mit ganz normalen Jobs, nicht Berufsaktivisten mit sicheren Bezügen, wie z.B. Priester es sind. Wir haben Familien.

Nun gibt es in Deutschland und Europa immer wieder Akte religiöser Gewalt, das kann jeder in den Zeitungen lesen. Wer nicht dem richtigen Glauben folgt, der wird bedroht und niedergemacht. Zum Teil ist das physische Gewalt, also mit Fäusten, Messern und Kalaschnikows. Sogar der in den Medien immer wieder als Friedensbringer gefeierte Papst heißt Gewalt gegen Ungläubige ausdrücklich gut, und sagte in Bezug auf den Massenmord an den religionskritischen Witzemachern von Charlie Hebdo „Tja, wer meine Mutter beleidigt, der bekommt eben meine Faust ins Gesicht.“ Wenn ich so etwas lese, wird mir ganz anders: Wir haben Familien.

Dazu kommst, dass die Religionisten, wenn sie in einem Land in der Mehrheit sind, auch strukturelle Gewalt durch Normen und Gesetze anwenden. Siehe z.B. Paragraph 166 des deutschen Strafgesetzbuchs:

(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Bestraft wird die Tat oder Aussage, die eine „Störung des öffentlichen Friedens“ hervorruft. Wenn wir hier also in einem Blogartikel die Absurditäten des Christentums, des Hinduismus oder des Islams beschreiben, und die Anhänger  dieser Religionen sind darüber so erzürnt, dass sie auf die Straße gehen, randalieren, Botschaften anzünden, Ungläubige tot schlagen oder atheistische Blogger mit Macheten zerhacken – dann wären wir laut deutschem Gesetz nicht etwa die Opfer, sondern die Schuldigen, also die eigentlichen Verbrecher, und müssten mit Gefängnis bestraft werden.

Michael Schmidt-Salomon sagte dazu in einem Interview: „Man muss sich vergegenwärtigen, dass nach deutschem Gesetz die Satiriker von Charlie Hebdo hätten verurteilt werden können, weil ihre Zeichnungen Fundamentalisten dazu animierten, Terrorakte zu begehen. Eine solche Umkehrung des Täter-Opfer-Verhältnisses dürfte es in einem modernen Rechtsstaat nicht geben.“ Er hat recht. Und wir haben Familien.

Wie bereits beschrieben, wir haben ganz normale Jobs. In vielen Branchen aber, z.B. im gesamten Sozialbereich, bekommt man als bekannter Atheist/Humanist ganz schnell Probleme. Die Großkirchen, die ja die Kontrolle über den Sozialsektor haben (und sich dafür vom Staat prächtig bezahlen lassen), haben als Arbeitgeber weitreichende Sonderrechte. Jeder hat schon von Kündigungen gelesen, weil eine Kindergärtnerin ihre Freundin heiraten wollte oder ein Arzt zum zweiten Mal eine Ehe geschlossen hat. Es wird sogar Leuten mit Jobverlust gedroht, deren „Verbrechen“ darin besteht standesamtlich heiraten zu wollen, und auf eine kirchliche Trauung zu verzichten. Ganz ehrlich: Ich mag diesen Blog. Aber ich möchte nicht seinetwegen meine Stelle verlieren.

Wir bitten um euer Verständnis, dass wir MGEN auch weiter anonym betreiben wollen. Schön finden wir das eigentlich nicht. Es mag euch vielleicht auch feige erscheinen. Aber solange die Verhältnisse sind, wie sie sind, möchten wir uns und unser Umfeld schützen. Außerdem: Im Endeffekt geht es ja hier nicht um die Schönheit unserer Nasen, sondern um die Stichhaltigkeit der Argumente.

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8 Antworten zu Warum eigentlich anonym?

  1. itna schreibt:

    Zustimmung zu dem Artikel. Man wird in der Kirchenrepublik Deutschland nach wie vor massiv benachteiligt, wenn man nicht an irgendwelchen Schwachsinn glaubt. Möchte man zum Beispiel in den Vorstand, oder Aufsichtsrat eines großen deutschen Unternehmens kommen, so ist ein christliches Bekenntnis Voraussetzung dafür (zum Beispiel Audi ). Permanent mit einem in der Öffentlichkeit unterstellt, dass man ohne einen Glauben an irgendwelche Götter ein schlechter Mensch sei.

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  2. Dieter Kleve schreibt:

    In erster Linie ist es vor allem traurig, dass ihr euch für eure gute Arbeit zur Anonymität gezwungen seht. Es ist ein ernsthafter Skandal, dass solche Gesetze wie 166 oder auch 167 existieren.

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  3. stinee2014 schreibt:

    Noch ein Beispiel für die Militanz von Glaubens-Infizierten gegen Ungläubige:

    Bücherverbrennung Teile 1 u. 2:

    Religiöse Verblödung dominiert den Intellekt:
    http://klarsicht-blog.blogspot.de/2015/12/religiose-verblodung-dominiert-den.html

    Gruß von
    Klarsicht

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    • manglaubtesnicht schreibt:

      Tja, Bücherverbrennung ist ja leider eine christliche Tradition – schon seit der Antike😦

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    • dongamillo schreibt:

      Wenn ich das richtig gesehen habe war dies ein Mann der voll auf der atheistischen Schiene abgefahren war und sich eines Besseren besonnen hat?

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      • manglaubtesnicht schreibt:

        Und nun ist er mit dem brennenden Eifer des „wiedergeborenen“ Christen unterwegs.

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      • dongamillo schreibt:

        Für einen neubekekehrten Menschen ist es schon gut sich radikal und umfassend von alten Götzen zu trennen, ich habe es nicht gemacht und habe dadurch wohl einige Anfechtungen mehr erlebt. Ich wollte nicht so extrem sein, ich denke dass nicht die Bücher, oder bei mir LPs an sich Götzen sind. Ich musste lernen in dieser Welt mit den Versuchungen umzugehen das gehört zur Reife eines Menschen sich nicht von jedem „Wind“ umtreiben zu lassen. Wenn aber etwas als richtig erkannt wurde sollte man auch dran bleiben. Das Gewissen spielt da eine große Rolle, bei Christen kommt die Taufe durch den „Heiligen Geist“ wenn die Bekehrung echt war. Dann kommt das Wachstum wie bei einem Baby zum Kind, Jünger, Ältesten.

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  4. manglaubtesnicht schreibt:

    Hier noch ein Verweis zu einem aktuellen Artikel zum Thema: „Anti-Atheist Terrorism: A New Threat“

    „Anti-atheist terrorism is gaining momentum around the world. While major events like the attack on the Charlie Hebdo offices in Paris and the murders of rationalist bloggersin Bangladesh brought attention to this unfortunate problem, it’s far from isolated to those individual incidents. In the last few weeks, several instances of anti-atheist terrorism suggest that these events aren’t just the actions of hateful individuals, but are the result of governmental policies which malign and discriminate against atheists.“

    http://www.huffingtonpost.com/roy-speckhardt/anti-atheist-terrorism-a_b_9409136.html

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