Prophezeiungen als Beweise für die Existenz Gottes: „Jungfrau? Welche Jungfrau?“

Immer wieder wird behauptet, dass die Erfüllung zahlreicher Vorhersagen alttestamentarischer Propheten durch den neutestamentarischen Jesus ein eindeutiger Beweis für die Existenz Gottes sei: So viele Zufälle, so wird argumentiert, könne es gar nicht geben! Und in der Tat haben die Autoren der vier in die Bibel aufgenommen Evangelien sich alle Mühe gegeben, ihre Jesus-Figur als Erfüller (der ihnen natürlich bekannten) alttestamentarischen Prophezeiungen darzustellen. So lassen sich einige der uns heute etwas absonderlich erscheinenden Geschichten erklären: Um eine Weissagung (siehe Micha 5) über den Geburtsort des zukünftigen Messias der Juden zu erfüllen, musste die Geburt des Jesus von Nazareth mit Hilfe einer an den Haaren herbei gezogenen Volkszählungsgeschichte nach Bethlehem verlegt werden, dort lässt man dann den Herodes ein – erstaunlicherweise von keinem Chronisten erwähntes – Massaker an Kleinkindern ausführen (vage vorhergesagt in Jeremia 31). Jesus selbst schickt später seine Jünger los um einen Esel zu besorgen, damit er wie von Sacharja (Kapitel 9) geweissagt auf dem Tier in die Stadt reiten konnte.

Der Evangelist Matthäus informiert uns weiterhin, dass Jesus Mutter eine Jungfrau gewesen sei und verweist dann im Wortlaut auf die dadurch erfüllte Prophezeiung in Jesaja 7:

Darum wird euch der Herr von sich aus ein Zeichen geben: Seht, die Jungfrau wird schwanger werden und wird einen Sohn gebären, den sie Immanuel nennen wird.

Beeindruckend, oder? Zumindest, wenn man über den nicht ganz zutreffenden Namen „Immanuel“ (bedeutet etwa: Gott ist mit uns) hinweg sieht – auch Propheten können schließlich mal irren. Manchmal werden sie aber auch schlichtweg falsch übersetzt: So steht in jeder einigermaßen aktuellen Bibelausgabe die Fußnote, dass anstatt „Jungfrau“ im Original der Begriff für „die junge Frau, das Mädchen“ steht.  Weiterhin sind Matthäus die Zeiten durcheinander geraten, das Original spricht davon, dass die junge Frau bereits „schwanger ist“. Also reduziert sich die Vorhersage auf den Satz: „Die junge, bereits schwangere Frau wird einen Sohn gebären, den sie Immanuel nennen wird.“ – Vom Wunder einer durch Jesus erfüllten Prophezeiung ist jetzt schon nicht mehr allzu viel übrig.

„Jungfrau? Welche Jungfrau?“

Gibt man sich etwas Mühe und liest den Kontext des vielzitierten Satzes, ergibt sich folgende Geschichte: Der König Ahas wird von den Armeen zweier Rivalen bedroht. Der Seher Jesaja richtet dem König während einer Ratsversammlung von Jahwe aus, dass er den anstehenden Kampf gewinnen werde. Um seine Prophezeiung zu bekräftigen, beruft sich Jesaja wieder auf seinen Gott, zeigt auf eine anwesende, schwangere Frau und sagt: Diese Frau wird einen Sohn gebären und ihn Immanuel nennen. Wenn der Sohn alt genug ist um gut und böse zu unterscheiden, werden die Königreiche deiner Feinde untergegangen sein und öde liegen.

Offensichtlich bezog sich die Bemerkung Jesajas also keinesfalls auf das Auftreten eines Messias, sondern war eine rhetorische Figur in einer konkreten Situation, bei einer Weissagung zum Kriegsgeschick eines antiken Fürsten im Kampf gegen seine Feinde. Von einem Messias, dessen Mutter eine Jungfrau sein werde, ist nicht die Rede. Von einer Jungfrau ist überhaupt nicht die Rede. Hat Evangelist Matthäus hier versucht, seine Leser mit einer „gefälschten“ Prophezeiung übers Ohr zu hauen? Oder wusste er es selbst nicht besser? – Es bleibt unklar.

Wirklich erstaunlich ist, dass immer noch sehr viele Leute die Erfüllung der alttestamentatischen Prophezeiungen als Beweis für die Göttlichkeit der Jesus-Figur sehen: „Es kann kein Zufall sein, dass ein Mann all diese Prophezeiungen erfüllt! Statistisch unmöglich!! Nur Gott kann sowas bewirken!!!“ – Sind diese Leute wirklich nie auf die Idee gekommen, dass die Autoren der Evangelien die überlieferten Sprüche der jüdischen Propheten selbstverständlich kannten? Dass sie ihre Geschichten natürlich so zurecht gebogen haben, dass die alten Weissagungen erfüllt werden? Offenbar haben die Evangelisten die alten Bücher nach möglicherweise passend zu machenden Vorhersagen geradezu abgegrast – Dass dabei das eine oder andere Malheur passiert ist, ist wohl verständlich.

„Ein Wunder! Ein Wunder!“:

  • „Die Wahrscheinlichkeit zur Erfüllung aller Voraussagen ist damit gleich Null, d. h. der Zufall scheidet als Erklärungsversuch aus“ (Web)
  • „Tausende von Prophezeiungen der Bibel sind eingetroffen und bestätigen deutlich Gottes Wort“(Web)
  • „Der Geburtsort von Christus (Messias) wurde vorhergesagt …“ (Web)

Bibeltexte:

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10 Antworten zu Prophezeiungen als Beweise für die Existenz Gottes: „Jungfrau? Welche Jungfrau?“

  1. Pingback: Sämtliche bekannten Gottesbeweise: Gescheitert! | Man Glaubt Es Nicht!

  2. Pingback: Offenbarungs-Eid: “Die Warnung” ist bloß Nonsens @ gwup | die skeptiker

  3. Anonymous schreibt:

    Habt Ihr auch was für Agnostiker?

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    • manglaubtesnicht schreibt:

      Danke für den Tipp!

      „Ein vaticinium ex eventu (lateinisch „Weissagung vom Ereignis her“) ist ein theologischer bzw. historiographischer Fachausdruck. Er bezeichnet die Einfügung einer Prophezeiung in einen Text, nachdem der Autor von dem Ereignis Kenntnis hatte. Die Prophezeiung wird dabei im chronologischen Ablauf des Textes vor dem Auftreten des Ereignisses eingeführt.“

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      • RoFrisch schreibt:

        Es war für mich einer der entscheidenden Augenöffner auf dem Weg vom kindheitsindoktrinierten Zeugen Jehofers zum selbstbestimmten Atheisten. Hatte ich damals glaub ich in Augsteins „Jesus Menschensohn“ gefunden.

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