Jesus und der Jüngling im Leinentuch

Während die Evangelisten Matthäus, Lukas und Johannes erzählerisch möglichst runde Geschichten zusammenbasteln wollten, hat sich Markus offenbar redlich darum gemüht, die ihm vorliegenden Quellen mit möglichst geringen Überarbeitungen zu einem konsistenten Handlungsbogen zu formen. Das ist ganz offensichtlich nicht immer gelungen, im Text finden sich Brüche, Inkonsistenzen und auf fehlende Abschnitte hindeutende Handlungssprünge. Dazu gehört auch der „Jüngling im Leinentuch“, der während der Verhaftungsszene in Kapitel 10 plötzlich auftaucht:

Und die Jünger verließen ihn [Jesus] alle und flohen. Und es war ein Jüngling, der folgte ihm nach, der war mit Leinwand bekleidet auf der bloßen Haut; und die [anderen?] Jünglinge griffen ihn. Er aber ließ die Leinwand fahren und floh nackt von ihnen.

In den heute verwendeten Versionen des Markus-Evangeliums wird dieser (halb-)nackte Jüngling niemals eingeführt, die Spekulationen der Theologen und Bibelkundler schießen naheliegenderweise ins Kraut: War der hauptsächlich griechisch/römischen Zielgruppe durch die vorhandenen Andeutungen auch ohne explizite Einführung klar, welche Rolle der Jüngling spielte? Handelt es sich um einen nachträglichen Einschub? Oder fehlen die einführenden Abschnitte im heute verwendeten Text?

Könnte Brüche erklären: Eine längere Version des Markus-Evangeliums

Diese Fragen lassen sich heute nicht mehr mit letzter Sicherheit beantworten. Eine Hypothese ist, dass eine längere, heute verschollene Version des Markus-Evangeliums existiert hat. Erhalten sind aus diesem vermuteten Text nur einige Stellen, die der Kirchenvater Clemens von Alexandria (ca. 150-215) in einem Brief zitiert. Clemens warnt davor, dass verfälschte Versionen dieses längeren Textes in Umlauf seien und zitiert zum Vergleich den ihm vorliegenden, unverfälschten Originaltext. Der Text soll, so Clemens, in der heute verwendeten Version zwischen Markus 10.34 und 35 heraus gestrichen worden sein. Da er ein sehr interessantes Licht auf heute selten diskutierte Charakterzüge der Figur Jesus von Nazareth wirft, hier das komplette Zitat:

Und sie kamen nach Bethanien, und jene eine Frau, deren Bruder gestorben war, war dort. Und sie kam, warf sich vor Jesus nieder und sagte zu ihm: „Sohn Davids, habe Erbarmen mit mir.“ Aber die Jünger wiesen sie zurück. Und Jesus, der in Wut geriet, ging mit ihr in den Garten, wo das Grab war, und sogleich wurde ein  lauter Schrei aus dem Grab gehört. Und indem er näher trat, rollte Jesus den Stein vom Eingang des Grabes. Und sogleich ging er hinein, wo der Jüngling war, streckte seine Hand aus und zog ihn hoch, indem er seine Hand ergriff. Aber der Jüngling, als er ihn ansah, liebte ihn und fing an, ihn anzuflehen, dass er bei ihm sein möge. Und sie gingen aus dem Grab heraus und kamen in das Haus des Jünglings, denn er war reich. Und nach sechs Tagen sagte ihm Jesus, was er tun solle, und am Abend kam der Jüngling zu ihm, ein leinenes Tuch über [seinem] nackten [Körper] tragend. Und er blieb diese Nacht bei ihm, denn Jesus lehrte ihn das Geheimnis des Reiches Gottes.

Clemens schreibt empört, diese „makellosen und heiligen Worte“ seien bösartig interpretiert worden, „äußerst schamlose Lügen“ seien über Jesus und den Jüngling erzählt worden. Um was für „Lügen“ es sich dabei gehandelt haben mag, kann sich wohl jeder selbst denken.

Auch hier: Nichts Genaues weiß man nicht

Wie immer bei der Beschäftigung mit überlieferten Texten, deren Ursprung ungewiss und deren Originale nach der Publikation „verschwunden“ sind, weiß niemand genau, inwieweit die aktuellen Fassungen das widerspiegeln, was die Verfasser einst gemeint haben. Gerade die christlichen Texte wurden in den ersten Jahrhunderten, als sie nicht von professionellen Schreibern sondern von enthusiastischen Laien kopiert wurden, aus glaubens- und machtpolitischen Gründen häufig „verbessert“ (siehe hierzu Bart Ehrman: Misquoting Jesus).

Plausibel erscheint aber eins: Hätte sich die längere Version des Markus-Evangeliums im Alltagsgebrauch durchgesetzt, wären einer Reihe von Minderheiten wohl fast 2.000 Jahre Verfolgung erspart geblieben.

Quellen/Empfehlungen:

  • Die bekannten Fragmente des „Geheimen Evangelium nach Markus“ (PDF)
  • Bart Ehrman: Misquoting Jesus: The Story Behind Who Changed the Bible and Why.
  • Bart Ehrman: Lost Christianities: The Battles for Scripture and the Faiths We Never Knew.
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Eine Antwort zu Jesus und der Jüngling im Leinentuch

  1. Holger Kneib schreibt:

    Darüber hinaus gibt es keinen Grund anzunehmen, dass JC, sollte er in der Form tatsächlich existiert haben, nicht wie alle seine Altersgenossen mit 21 verheiratet wurde. Das wird nur nicht erwähnt, weil Frauen bekanntermaßen in der Bibel eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Sollte sich dann noch eine leichte Homophilie zu dieser Ehe hinzugesellen, HACH!!!! Das wär TOLL!!! Und JC wird fabulous!

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