„Überall Mord und Totschlag!“ – Gläubigkeit als moralische Notwendigkeit

Schon dem Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) war klar, dass die klassischen Gottesbeweise (also kosmologischer, teleologischer und ontologischer Beweis) nicht funktionieren. Stattdessen ging er davon aus, dass der Glaube an die Existenz eines allmächtigen, allwissenden Gottes moralisch notwendig sei. Das Argument hört man auch heutzutage im Gespräch mit Religionisten oft. Was ist damit gemeint?

Während in früheren Zeiten wohl die Angst bestand, einfache Leute könnten ohne Glauben an eine gottgegebene Gesellschaftsform die bestehende Ordnung (dass also Adel und Klerus sich auf Kosten von Bauern und Leibeigenen ein schönes Leben machten) in Frage stellen, argumentieren heutige Religionisten eher mit der Angst vor durch plötzlichen Atheismus entfesselten Verbrechern: „Wenn die Menschen keine Angst mehr vor einer Bestrafung durch Gott hätten, dann könnte ja jeder losgehen und rauben und morden, wie er lustig wäre!“

„Atheistische Horden ziehen mordend durch die Straßen …!“

Dieser Furcht liegt der Gedanke zugrunde, dass Menschen nur aus Angst vor Strafe moralisch handeln. Das ist jedoch ein Irrtum: Religiöse Menschen und Atheisten handeln aus denselben Gründen moralisch – Aus Mitgefühl und einem Sinn für Gerechtigkeit. Wir sind soziale Wesen, und wie andere soziale Wesen (z.B. Hunde) haben wir im Laufe der Evolution bestimmte Kernwerte entwickelt, die in unseren Gehirnen „fest verdrahtet“ und überall auf der Welt gleich sind: dazu gehört eine gewisse Empathie, und ein Wertlegen auf Loyalität und Gerechtigkeit.

Auf diesen, allen Menschen gemeinsamen Grundlagen entstehen moralische Systeme. Und zwar überall dort, wo Menschen für ihr Zusammenleben Regeln finden müssen. Denn wer ganz allein auf einer einsamen Insel lebt, braucht keine Moral; sie oder er kann nach Belieben handeln, es stört ja niemanden. Die Menschen bilden im Rahmen ihrer Gemeinschaft also von ganz allein moralische Systeme, sie werden im Laufe von Generationen gemeinschaftlich ausgehandelt, an die nächsten Generationen weiter gegeben und von diesen entsprechend der jeweiligen Lebensbedingungen angepasst.

Die Quelle der Moral sind nicht Götter, sondern menschliche Gesellschaften

Wie schon an andere Stelle geschrieben, ist so ein System den Einzelnen oft lästig und daher ohne Unrechtsbewusstsein kaum aufrecht zu erhalten. Für das Überleben eine Gruppe ist daher eine unter- oder halbbewusste Überwachungsinstanz ein deutlicher Evolutionsvorteil. Die gewissenlosen Egomanen im Nachbartal sind einfach ausgestorben.

Zusammenfassend: Der Wegfall einer religiösen Überzeugung ist für das ethische Verhalten von Menschen nicht entscheidend, da moralisches Handeln nicht aus Angst vor dem Zorn Gottes erwächst, sondern im Laufe der Evolution tief in den Menschen angelegt ist. Sicher, einige eher periphere Überzeugungen (z.B. „Kleinen Mädchen gehört die Klitoris abgeschnitten!“, „Lesben und Schwule sind sündig und dürfen nicht heiraten!“, „Menschen dunkler Hautfarbe sind hellen Menschen Untertan!“) halten sich lediglich durch religiöse Dogmen – Aber die würde doch niemand ernstlich vermissen, oder?

Ein praktischer Gegenbeweis

Wenn jemand keine Lust auf die Argumentiererei mit den Quellen der Moral hat, gibt es auch ganz praktische Gegenargumente: So sahen viele atheistische Menschen einstmals die Existenz eines Gottes als gegeben an – zumindest als Kinder. Und sie alle schaffen es mittlerweile problemlos, ohne Angst vor ewiger Höllenfolter zu leben; und das, ohne in Raserei zu verfallen und mordend und vergewaltigend durch die Straßen zu ziehen. Hierzu passt auch die hübsche Tatsache, dass sich etwa 16% der US-Amerikaner in Umfragen als nicht religiös bezeichnen, von den Gefängnis-Insassen jedoch nur 1%.

What would Jesus do?

„Hm. Aber trotzdem könnte,“ so entgegnet der wackere Religionist, „wenn die Atheisten Recht hätten, eine Person auf die Straße gehen und ein Dutzend Menschen erschießen, dann sich selbst – und würde überhaupt nicht für ihre Taten bestraft!“ – Das ist sicherlich richtig, das kann (wenn man den Tod nicht als Strafe ansieht) passieren. Aber: Wäre das christliche System wahr, dann könnte ein gläubiger Massenmörder göttliche Vergebung erlangen und würde mit ewiger Glückseligkeit im Himmel belohnt. Wäre das gerechter?

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9 Antworten zu „Überall Mord und Totschlag!“ – Gläubigkeit als moralische Notwendigkeit

  1. Pingback: Gottesbeweise oder: Achtung! Dies ist eine Übung! | Man Glaubt Es Nicht!

  2. Thomas G. schreibt:

    Glaube ist keine moralische Notwendigkeit sondern die Suche nach der Ethik und Moral die zu unserem Wesen gehört. Warum fragt der Atheist denn nach Gerechtigkeit wenn er kein Gefühl dafür hat?

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  3. Pingback: Sämtliche bekannten Gottesbeweise: Gescheitert! | Man Glaubt Es Nicht!

  4. ZetaOri schreibt:

    Glaube ist nicht die Suche nach Ethik und Moral, sondern die Suche nach einem GRUND für Ethik und Moral (und damit einhergehend die Leugnung ethischer Handlungsweisen als für in sozialen Gruppen lebende Tiere essentiellen evolutionären Vorteil)!
    MaW die Unfähigkeit, ethisches (??moralisches??) Handeln anders zu begründen als mit der Existenz einer (dem Menschen) übergeordneten Instanz, die auch noch irgenwo ausserhalb der erfahrbaren physischen Existenz die Fähigkeit zur Belohnung / Bestrafung hat.
    Lächerlich? Erbärmlich!

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