Ockhams Skalpell: Das Schweizer Taschenmesser des Religionskritikers

Um Behauptungen von Religionisten und anderen Esoterikern auf ihre Plausibilität abzuklopfen zu können, braucht man die geeigneten Werkzeuge. Eines dieser Werkzeuge, Ockhams Skalpell (auch Ockhams Rasiermesser genannt), ist seit Jahrhunderten eine wichtige Grundlage des wissenschaftlichen Vorgehens. Die Aussage wird William von Ockham (ca. 1288 – ca. 1348), einem englischen Franziskanermönch, zugeschrieben. Der Wortlaut “entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem” bedeutet auf deutsch “Entitäten sind nicht über das Notwendige hinaus zu vermehren”.

Es gibt zwei Traditionen, wie dies zu deuten ist. Die eine sieht das Skalpell als Faustregel, die sagt, dass einfachere Erklärungsansätze für Beobachtungen in der Natur generell wahrscheinlicher sind als komplizierte.

Eine solide Erklärung darf keine unnötigen Annahmen enthalten

Die andere, uns hier interessierende Tradition ist etwas schärfer und sagt, dass Bestandteile eines Erklärungsansatzes, die für die Aussagekraft der Erklärung unnötig sind, aus der Formulierung rausgelassen werden, also mit dem Skalpell “heraus geschnitten” werden müssen.

Ein Beispiel: Ein Ratsuchender stellt die Frage “Heute ist Sonntag, es lag keine Zeitung im Briefkasten. Warum?” Ihm werden zwei Erklärungsansätze (also Hypothesen) präsentiert:

Hypothese 1: “Sonntags wird die Zeitung generell nicht gedruckt. Daher wurde auch keine ausgeliefert. Voilà!”

Hypothese 2: “Sonntags wird die Zeitung generell nicht gedruckt. Außerdem wurde der Zeitungsbote auf dem Weg zum Bäcker von einem dreibeinigen Clown überfallen, der ihn auf dem Bürgersteig festgenagelt hat. Daher wurde heute keine Zeitung ausgeliefert. Voilà!”

Die Aussagekraft beider Erklärungsansätze (“Ich bekomme keine Zeitung, weil keine gedruckt wird”) ist offensichtlich gleich. Die zweite trifft darüber hinaus eine Menge von für die Aussage unnötige Annahmen, die dazu auch noch arg unwahrscheinlich klingen. Ockhams Skalpell sagt nun, dass in einer guten und soliden Erklärung keine unnötigen Annahmen vorkommen dürfen. Die Hypothese 2 ist also unnötig kompliziert, Hypothese 1 übertrumpft sie und ist als Erklärung vorzuziehen.

Viele Religionisten neigen dazu, ihre Erklärungsversuche für Beobachtungen in der Natur mit unnötigen Annahmen vollzustopfen (z.B. im kosmologischen „Gottesbeweis“). Ockhams Skalpell kann hier helfen, klarer zu sehen.

 

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2 Antworten zu Ockhams Skalpell: Das Schweizer Taschenmesser des Religionskritikers

  1. Pingback: Kosmologische Gottesbeweise: Von nix kommt nix! – Oder? | Man Glaubt Es Nicht!

  2. Sirius schreibt:

    Wenn rein zufällig, also mit willkürlichen Parametern, ein Universum entsteht, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Universum Leben hervorbringen kann, kleiner als die Wahrscheinlichkeit, dass in den drei nächsten Lottoziehungen jeweils die Zahlen 5, 12, 17, 23, 29 und 42 mit Zusatzzahl 7 gezogen werden.
    Dies macht es für mich nicht so eindeutig, wo Ockhams Rasiermesser anzusetzen ist. Was gibt es für mögliche Theorien?
    1) Es gibt nur ein Universum und das ist zufällig entstanden. Dann hätten wir außerordendliches Glück gehabt. Sehr unwahrscheinlich, daher Fallbeil.
    2) Es gibt unendlich viele parallele Universen. Damit ist klar, dass darunter auch lebensfreundliche sein müssen und dass wir in einem solchen leben. Sehr komplizierte Annahme von unendlich vielen Universen, die wir nicht sehen, daher Fallbeil.
    3) Es gibt in der Natur irgendwo verborgene Parameter, die wir nicht kennen, so dass jedes mögliche Universum genau unseren Aufbau haben muss. Rein esoterische Spekulation, daher Fallbeil.
    4) Es gibt einen Schöpfergott, der das Universum planvoll genau so geschaffen hat, wie es ist. Sehr komplizierte Annahme eines Schöpfergottes, daher Fallbeil.

    Somit komme ich auf 4 mal Fallbeil, was nun? Je mehr ich von Grundlagenphysik und Kosmologie höre, desto mehr wundere ich mich um unsere Existenz. Oder bin ich nur blind und übersehe etwas grundlegendes?

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